Ein Foto von Börsenexpertin Karina Metzdorf auf einer Grafik. Hier steht: Machen die meisten Aktien Verlust?!?
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Börsenexpertin Karina Metzdorf: Sind die meisten Aktien Schrott?

Wie eine Studie alles zerstörte, was unsere Kolumnistin über den Aktienmarkt zu wissen glaubte.
30.000 Aktien. 100 Jahre. Ein Professor mit sehr viel Geduld. Hendrik Bessembinder von der Arizona State University hat nachgerechnet, was der US-Aktienmarkt seinen Anleger:innen seit 1926 wirklich gebracht hat. Und das Ergebnis musste ich echt drei Mal lesen, bevor ich es geglaubt und verstanden habe. Denn die typische Aktie hat 7 % Verlust gemacht! Das widerspricht wirklich allem, was ich über den Aktienmarkt zu glauben dachte. Wie also können die Studie und die Erfahrung gleichzeitig richtig sein?

29.754 Aktien. Die allermeisten davon sind Schrott

Prof. Bessembinder hat jede US-Aktie analysiert, die es in den letzten 100 Jahren gab. 29.754 Stück. Darunter gab es alles: Pleiten, Delistings, Rendite-Stars. Alte Industrie, neue Industrie, und alles dazwischen. Für jede Aktie hat er unterstellt: gekauft am ersten Handelstag, gehalten bis zum letzten, jede Dividende sofort wieder reinvestiert.

Dann hat er alle knapp 30.000 Aktien nach ihrer Gesamtrendite sortiert, von der besten bis zur schlechtesten. Und jetzt kommt’s: Die Aktie genau in der Mitte, Nummer 15.000, hat minus 7 % Rendite gebracht.
Die Hälfte aller untersuchten Aktien war sogar noch schlechter. Fast 60 Prozent haben weniger gebracht als eine sichere kurzlaufende Staatsanleihe. Nur 27 Prozent haben überhaupt den Gesamtmarkt geschlagen.

Warum der Durchschnitt lügt

Ich höre schon deinen Einwand, der auch meiner war: „Moment mal, der breite Markt steigt doch langfristig immer!“ Stimmt genau. Der S&P 500 hat seit seiner Auflage im Jahr 1957 im Schnitt 10,7 % Rendite gebracht. Aber der Durchschnitt liefert hier ein falsches Bild.

Eine Aktie kann maximal 100 Prozent verlieren, dann ist sie bei null. Nach oben aber gibt es keine Begrenzung. Amazon steht seit dem Börsengang bei rund plus 49.000 Prozent. Wenn nun Verluste gedeckelt, aber Gewinne nach oben offen sind, dann verschieben die wenigen Rendite-Stars den Durchschnitt nach oben.

Wie wenige diesen Durchschnitt tragen, fragst du? 46 Unternehmen. Nur 46 von knapp 30.000 Aktien stehen für die Hälfte des gesamten Vermögenszuwachses der letzten 100 Jahre. 46 Aktien haben 91 Billionen Dollar erschaffen. Da bin ich sprachlos.

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Kaum habe ich meine Stimme wiedergefunden, muss ich also die Anschlussfrage stellen: Welches Erfolgskriterium haben die 46 gemeinsam?
Da gibt es zwei Typen.

Die einen haben die Ausdauer-DNA: das sind Langweiler mit Preissetzungsmacht, deren Produkte Menschen immer wieder kaufen, egal was um sie herum passiert. Altria (die Marlboro-Mutter), Coca-Cola, Johnson & Johnson. Sie drucken seit Jahrzehnten Geld. Ganz leise. Niemand schwärmt auf einer Party von denen.

Die anderen haben die Turbo-DNA: Nvidia, Netflix, Amazon. Die höchsten Jahresrenditen ihrer Generation, der Traum jeder Anlegerin.
Wenn du denn durchhältst! Nvidia hat seinen Aktionär:innen allein in den letzten zehn Jahren drei Rücksetzer von über 40 Prozent zugemutet. Selbst die zwanzig besten Aktien der letzten 40 Jahre haben zwischendurch gut drei Viertel ihres Werts verloren.

Es reicht also nicht, dass du die richtige Aktie findest. Du musst auch in guten wie in schlechten Tagen an ihr festhalten, um mit der Turbo-Rendite belohnt zu werden. Bei Johnson & Johnson kriege ich zwar keinen Adrenalinschub. Aber auch keine grauen Haare. Fairer Deal.

Der Haken: Bessembinders Anlegerin gibt es nicht

Aber natürlich hat die Studie einen Haken: Bessembinders Rechnung unterstellt eine Anlegerin, die es schlicht nicht gibt. Gekauft am ersten Tag, gehalten bis zum letzten, nie verkauft. Nicht in der Finanzkrise, nicht für die Anzahlung des eigenen Häuschens, nicht aus Panik um drei Uhr nachts. So agiert doch kein Mensch, höchstens ein Roboter ohne Gefühle und ohne Kontostand. Niemand kauft eine Einzelaktie und lässt sie ein Jahrhundert lang unangetastet liegen. Wir steigen ein, wir steigen aus, wir nehmen Gewinne mit, wir setzen Stopps, wenn wir es klug anstellen. Die Studie ist also eher ein Lehrstück darüber, was es kostet, gar nicht investiert zu sein.

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Und welche Schlussfolgerungen für die eigene Anlagestrategie bietet nun die Studie? Hier wird die Mathematik zum besten Freund beim Investieren:

  1. Hol dir den Durchschnitt. Denn mit einem marktbreiten ETF, am besten im Sparplan, profitierst du ganz automatisch vom Durchschnitt aller Aktien. 10 % pro Jahr im langfristigen Mittel, das ist ein hervorragendes Rendite-Aufwand-Verhältnis.
  2. Überliste den Median! Die typische Aktie ist der Median: die eine Hälfte bringt weniger Rendite, die andere Hälfte mehr Rendite. Die willst du keine 100 Jahre halten, und danach mit Verlust rausgehen. Deshalb brauchst du von Anfang an einen Plan fürs Ein- und Aussteigen: eine Kursmarke, ab der du Gewinne mitnimmst, einen Stop-Loss, eine feste Haltedauer, jedenfalls irgendetwas, das dich davor bewahrt, Bessembinders unmöglichen Roboter zu spielen. Einzelaktien brauchen Timing!
Der Spaß an Einzelaktien und der Erfolg damit sind zwei verschiedene Dinge, das zeigt diese Studie ziemlich eindeutig. Aber mit einem Timing-Plan bist du wenigstens kein Blindflug mehr, sondern jemand mit Ausstiegsstrategie statt Bessembinders geduldigem Roboter.

Die meisten Aktien sind wirklich Schrott

Noch nicht mal die 46 Goldstücke sind Alleskönner. Denn keine einzige der Aktien hat sowohl Ausdauer- als auch Turbo-DNA: Kein Unternehmen schafft beides gleichzeitig über 100 Jahre, jahrzehntelang stur durchzuhalten und jedes Jahr Traumrenditen abzuliefern.
Ein Unternehmen, das zehn Jahre lang performt wie Nvidia, dümpelt nicht so gemütlich vor sich hin wie Johnson & Johnson. Die Börse kennt kein Perpetuum Mobile: Wer explodiert, verlangsamt sich irgendwann, wird selbst zum Langweiler, oder verschwindet ganz.

Über Karina

Karina Metzdorf ist Elektrotechnikingenieurin, Hundemama und seit über 14 Jahren begeisterte Investorin an der Börse. Der Wunsch nach langen Reisen – möglichst noch vor dem Renteneintrittsalter – brachte sie früh dazu, sich intensiv mit Geldanlage zu beschäftigen. Die Börse wurde schnell zu ihrer Leidenschaft: Karina investiert in Aktien, ETFs, Gold und Bitcoin und hat sich zur Börsenhändlerin sowie Finanzanlagenfachfrau zertifizieren lassen. Als sie merkte, dass sie mit keiner ihrer Freundinnen über das Investieren sprechen konnte, gründete sie Börse in Pink. Ihre Mission ist es, Frauen Börsenwissen verständlich und praxisnah zu vermitteln. In ihren Online-Kursen, Vorträgen und Workshops steckt sie mit ihrer Begeisterung und Erfahrung an. Auf finanzielle.de schreibt Karina in Pinkvestiert, ihrer monatlichen Börsenkolumne, über kluge Anlagestrategien und aktuelle Marktentwicklungen – immer mit dem Ziel, Frauen zu ermutigen, selbstbestimmt finanzielle Entscheidungen zu treffen und langfristig Vermögen aufzubauen.

Karina Metzdorf in einem pinken Hosenanzug vor hellem Hintergrund. Sie ballt die Fäuste.
Foto: Angelika Graf

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© Marcus Witte
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