29.754 Aktien. Die allermeisten davon sind Schrott
Prof. Bessembinder hat jede US-Aktie analysiert, die es in den letzten 100 Jahren gab. 29.754 Stück. Darunter gab es alles: Pleiten, Delistings, Rendite-Stars. Alte Industrie, neue Industrie, und alles dazwischen. Für jede Aktie hat er unterstellt: gekauft am ersten Handelstag, gehalten bis zum letzten, jede Dividende sofort wieder reinvestiert.
Dann hat er alle knapp 30.000 Aktien nach ihrer Gesamtrendite sortiert, von der besten bis zur schlechtesten. Und jetzt kommt’s: Die Aktie genau in der Mitte, Nummer 15.000, hat minus 7 % Rendite gebracht.
Die Hälfte aller untersuchten Aktien war sogar noch schlechter. Fast 60 Prozent haben weniger gebracht als eine sichere kurzlaufende Staatsanleihe. Nur 27 Prozent haben überhaupt den Gesamtmarkt geschlagen.
Warum der Durchschnitt lügt
Ich höre schon deinen Einwand, der auch meiner war: „Moment mal, der breite Markt steigt doch langfristig immer!“ Stimmt genau. Der S&P 500 hat seit seiner Auflage im Jahr 1957 im Schnitt 10,7 % Rendite gebracht. Aber der Durchschnitt liefert hier ein falsches Bild.
Eine Aktie kann maximal 100 Prozent verlieren, dann ist sie bei null. Nach oben aber gibt es keine Begrenzung. Amazon steht seit dem Börsengang bei rund plus 49.000 Prozent. Wenn nun Verluste gedeckelt, aber Gewinne nach oben offen sind, dann verschieben die wenigen Rendite-Stars den Durchschnitt nach oben.
Wie wenige diesen Durchschnitt tragen, fragst du? 46 Unternehmen. Nur 46 von knapp 30.000 Aktien stehen für die Hälfte des gesamten Vermögenszuwachses der letzten 100 Jahre. 46 Aktien haben 91 Billionen Dollar erschaffen. Da bin ich sprachlos.
Lies auch:

Aktienkauf: Was Studien über den besten Einstiegszeitpunkt verraten
Selbst Profis verpassen den perfekten Moment: Warum es kaum einen Unterschied macht, Aktien am Allzeithoch zu verkaufen – und warum Geduld an der Börse zählt.
Zwei Sorten Gewinner, beide mit Nebenwirkungen
Kaum habe ich meine Stimme wiedergefunden, muss ich also die Anschlussfrage stellen: Welches Erfolgskriterium haben die 46 gemeinsam?
Da gibt es zwei Typen.
Die einen haben die Ausdauer-DNA: das sind Langweiler mit Preissetzungsmacht, deren Produkte Menschen immer wieder kaufen, egal was um sie herum passiert. Altria (die Marlboro-Mutter), Coca-Cola, Johnson & Johnson. Sie drucken seit Jahrzehnten Geld. Ganz leise. Niemand schwärmt auf einer Party von denen.
Die anderen haben die Turbo-DNA: Nvidia, Netflix, Amazon. Die höchsten Jahresrenditen ihrer Generation, der Traum jeder Anlegerin.
Wenn du denn durchhältst! Nvidia hat seinen Aktionär:innen allein in den letzten zehn Jahren drei Rücksetzer von über 40 Prozent zugemutet. Selbst die zwanzig besten Aktien der letzten 40 Jahre haben zwischendurch gut drei Viertel ihres Werts verloren.
Es reicht also nicht, dass du die richtige Aktie findest. Du musst auch in guten wie in schlechten Tagen an ihr festhalten, um mit der Turbo-Rendite belohnt zu werden. Bei Johnson & Johnson kriege ich zwar keinen Adrenalinschub. Aber auch keine grauen Haare. Fairer Deal.
Der Haken: Bessembinders Anlegerin gibt es nicht
Alle Ausgaben:

Pinkvestiert: Die Kolumne von Karina Metzdorf
Investieren wirkt kompliziert? Karina Metzdorf erklärt in ihrer Kolumne Pinkvestiert, wie Vermögensaufbau easy funktioniert.
Die Moral von der Geschicht'
Und welche Schlussfolgerungen für die eigene Anlagestrategie bietet nun die Studie? Hier wird die Mathematik zum besten Freund beim Investieren:
- Hol dir den Durchschnitt. Denn mit einem marktbreiten ETF, am besten im Sparplan, profitierst du ganz automatisch vom Durchschnitt aller Aktien. 10 % pro Jahr im langfristigen Mittel, das ist ein hervorragendes Rendite-Aufwand-Verhältnis.
- Überliste den Median! Die typische Aktie ist der Median: die eine Hälfte bringt weniger Rendite, die andere Hälfte mehr Rendite. Die willst du keine 100 Jahre halten, und danach mit Verlust rausgehen. Deshalb brauchst du von Anfang an einen Plan fürs Ein- und Aussteigen: eine Kursmarke, ab der du Gewinne mitnimmst, einen Stop-Loss, eine feste Haltedauer, jedenfalls irgendetwas, das dich davor bewahrt, Bessembinders unmöglichen Roboter zu spielen. Einzelaktien brauchen Timing!
Die meisten Aktien sind wirklich Schrott
Noch nicht mal die 46 Goldstücke sind Alleskönner. Denn keine einzige der Aktien hat sowohl Ausdauer- als auch Turbo-DNA: Kein Unternehmen schafft beides gleichzeitig über 100 Jahre, jahrzehntelang stur durchzuhalten und jedes Jahr Traumrenditen abzuliefern.
Ein Unternehmen, das zehn Jahre lang performt wie Nvidia, dümpelt nicht so gemütlich vor sich hin wie Johnson & Johnson. Die Börse kennt kein Perpetuum Mobile: Wer explodiert, verlangsamt sich irgendwann, wird selbst zum Langweiler, oder verschwindet ganz.
Über Karina
Karina Metzdorf ist Elektrotechnikingenieurin, Hundemama und seit über 14 Jahren begeisterte Investorin an der Börse. Der Wunsch nach langen Reisen – möglichst noch vor dem Renteneintrittsalter – brachte sie früh dazu, sich intensiv mit Geldanlage zu beschäftigen. Die Börse wurde schnell zu ihrer Leidenschaft: Karina investiert in Aktien, ETFs, Gold und Bitcoin und hat sich zur Börsenhändlerin sowie Finanzanlagenfachfrau zertifizieren lassen. Als sie merkte, dass sie mit keiner ihrer Freundinnen über das Investieren sprechen konnte, gründete sie Börse in Pink. Ihre Mission ist es, Frauen Börsenwissen verständlich und praxisnah zu vermitteln. In ihren Online-Kursen, Vorträgen und Workshops steckt sie mit ihrer Begeisterung und Erfahrung an. Auf finanzielle.de schreibt Karina in Pinkvestiert, ihrer monatlichen Börsenkolumne, über kluge Anlagestrategien und aktuelle Marktentwicklungen – immer mit dem Ziel, Frauen zu ermutigen, selbstbestimmt finanzielle Entscheidungen zu treffen und langfristig Vermögen aufzubauen.









