Warum es inzwischen mehr als einen Welt-ETF gibt. Und was das für dein Depot bedeutet.
Er stand an jeder Litfaßsäule. Er schrie aus jedem Podcast. Er wurde dir sogar von deinem Friseur empfohlen: der MSCI World. Also hast du total vernünftig mit diesem ETF gestartet. Eigentlich bist du damit auch ganz zufrieden. Aber seitdem springen dir aus jeder Ecke andere, neue Welt-ETFs entgegen, die alle ähnlich klingen. Und wenn sie ähnliche Namen tragen, gehören sie dann auch zur selben Familie? Und du bleibst ratlos zurück: Ist der MSCI World noch der Richtige für dich?
Der Wald der Aktienindex-Stammbäume
Hinter jedem ETF steckt ein Aktienindex, und die großen Indexanbieter bringen gleich ganze Familien auf die Welt. Zeit, sich die Stammbäume genauer anzuschauen. Der MSCI-Stammbaum, das sind die Aktienindizes, die von Morgan Stanley Capital International herausgegeben werden. Nennen wir sie der Einfachheit halber die Müllers. Opa ACWI Müller enthält rund 2.300 große und mittelgroße Unternehmen aus 23 Industrie- und 24 Schwellenländern. Alle in nur einem ETF, das ist regional sehr breit gestreut.
Opa ACWI Müller hat zwei Kinder, denen er jeweils die Hälfte seiner Aktien vererbt: Wolle World Müller bekommt alle aus den Industrieländern, mehr als 1.000 sind es; und Emmi Emerging Markets Müller mehr als 1.000 aus den Schwellenländern.
Wolle und Emmi besitzen also unter zwei Dächern das zusammen, was Opa ACWI unter einem Dach hat. Ob nun Wolle oder Emmi langfristig erfolgreicher sein werden? Wenn du Opa ACWI wählst, ist dir das egal. Dann gibst du keinem von beiden den Vorzug. Wenn du aber an die Innovationskraft von Wolle oder das Bevölkerungswachstum von Emmi glaubst, lohnt sich der genauere Blick in die beiden Familienalben. Wolle World Müller klingt auf den ersten Blick wie ein Weltbürger, spricht aber fast nur englisch: über 70 % seines Depots stecken in den USA. Emmi Emerging Markets Müller dagegen ist die Asien-Reisende der Familie, mit Taiwan, Korea und China als ihren größten Positionen.
Mit dem MSCI World kaufst du heute also vor allem eines: sehr viel USA. Rund 70 Prozent des Index entfallen derzeit auf amerikanische Unternehmen. Und das stand so nicht auf der Litfaßsäule.
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Anderer Name, gleicher Inhalt?
Lass uns derweil mal nebenan bei den Fischers nachschauen. Die Fischers, das ist die FTSE-Familie, benannt nach dem Indexanbieter FTSE Russell, einer Tochter der London Stock Exchange. Alwina All-World Fischer ist Opa ACWIs Zwillingsschwester, nur mit anderem Nachnamen: auch sie hat von Geburt an die ganze Welt im Depot, große und mittelgroße Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern. Sie fischt die Unternehmen mit einem etwas feineren Netz als Opa ACWI raus: Wo er bei rund 2.300 Unternehmen aufhört, geht sie bis auf etwa 4.200. Aber Vorsicht: mehr Unternehmen heißt nicht automatisch mehr Rendite. Und auch Alwina hat, ganz wie ihr Bruder Wolle und Emmi bei den Müllers, zwei Kinder: FTSE Developed und FTSE Emerging, getrennt nach Industrie- und Schwellenländern. Gleiches Spiel, anderer Name.
Mitte August 2026 geschieht dann bei den Fischers etwas Überraschendes: plötzlich steht Tante Cappi Global-All-Cap Fischer vor der Tür. Die Tante aus Amerika, von der niemand wusste, dass es sie gibt, bringt nun als ETF alles mit: über 10.000 Unternehmen aus 49 Ländern weltweit! Das sind 98 % des weltweiten Aktienmarkts, weil bei ihr auch die ganz kleinen Firmen eingeladen sind, die bei Alwina und Opa ACWI draußen vor der Tür bleiben mussten.
Ganz neu ist die Idee „wirklich alles“ allerdings nicht: Auch bei den Müllers gibt’s mit Großtante ACWI IMI längst eine, die kleine Unternehmen mitbringt. Nur kostet die mit 0,17 % mehr als doppelt so viel wie Tante Cappi mit ihren 0,07 %.
Musst du auf jeden neuen Ast aufspringen?
Aber was sagen dir jetzt all diese Stammbäume über das Verhältnis zu deinem MSCI World? Meine Meinung dazu ist ziemlich unspektakulär: Im Kern deines Depots reicht eine breit streuende Basis, möglichst kostengünstig, völlig aus. Wolle MSCI World Müller ist und bleibt ein super Start. Zusätzlich empfiehlt sich die Beimischung von Emmi MSCI Emerging Markets, um auch die Schwellenländer im Portfolio zu haben.
Wenn du schon in Opa MSCI ACWI Müller, oder FTSE Alwina All-World Fischer investiert bist: Perfekt. Behalte die Anteile. Würdest du verkaufen, um mit dem Geld in Tante Cappi zu investieren, müsstest du Steuern auf deine Gewinne zahlen, Gebühren noch dazu, das kannst du durch die niedrigeren Kosten nicht so schnell wieder reinholen. Du könntest aber deine bestehenden Sparpläne stoppen, um frisches Geld in Cappi zu investieren.
Bist du dagegen echte Anfängerin und suchst dir gerade deinen ersten ETF aus: Dann spricht einiges für Tante Cappi: günstig, vollständig, und du musst dich später nicht fragen, ob dir irgendwas fehlt.
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Die ETF-Stammbäume wachsen immer weiter
Es wird immer so weitergehen. Ständig werden die Aktienindex-Stammbäume neue Äste austreiben. Es werden neue ETFs auf neue Aktienindizes aufgelegt werden. Und jeder davon wird dir erklären, warum gerade er in dein Depot gehört. Schließlich verdienen die Anbieter daran.
Du musst gar nicht jeden neuen Ast der ETF-Stammbäume kennenlernen. Du musst nur wissen, auf welchem Ast du bereits sitzt.
Wenn in deinem Depot bereits Industrie- und Schwellenländer stecken, darunter große, mittlere und vielleicht auch kleine Unternehmen, dann hast du die wesentlichen Bausteine einer breit gestreuten Aktienanlage bereits abgedeckt. Dann kannst du beim nächsten ETF, der an der Litfaßsäule angeschlagen wird, ganz entspannt weitergehen.
Mit deinem Friseur kannst du ja stattdessen über die Herstellung der perfekten Hühnerbrühe sprechen.
Über Karina
Karina Metzdorf ist Elektrotechnikingenieurin, Hundemama und seit über 14 Jahren begeisterte Investorin an der Börse. Der Wunsch nach langen Reisen – möglichst noch vor dem Renteneintrittsalter – brachte sie früh dazu, sich intensiv mit Geldanlage zu beschäftigen. Die Börse wurde schnell zu ihrer Leidenschaft: Karina investiert in Aktien, ETFs, Gold und Bitcoin und hat sich zur Börsenhändlerin sowie Finanzanlagenfachfrau zertifizieren lassen. Als sie merkte, dass sie mit keiner ihrer Freundinnen über das Investieren sprechen konnte, gründete sie Börse in Pink. Ihre Mission ist es, Frauen Börsenwissen verständlich und praxisnah zu vermitteln. In ihren Online-Kursen, Vorträgen und Workshops steckt sie mit ihrer Begeisterung und Erfahrung an. Auf finanzielle.de schreibt Karina in Pinkvestiert, ihrer monatlichen Börsenkolumne, über kluge Anlagestrategien und aktuelle Marktentwicklungen – immer mit dem Ziel, Frauen zu ermutigen, selbstbestimmt finanzielle Entscheidungen zu treffen und langfristig Vermögen aufzubauen.









