Karina Metzdorf, Finanz-Kolumnistin, als Foto in eine Grafik integriert, die das Thema "Viele ETFs. Ein gemeinsames Risiko." ankündigt.
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MSCI World und Emerging Markets: Warum dein ETF-Portfolio kaum noch diversifiziert ist

Viele ETF-Anleger:innen setzen auf MSCI World und Emerging Markets für breite Streuung. Doch beide Indizes hängen inzwischen stark an derselben KI-Wertschöpfungskette. Was das für Risiko, Rebalancing und dein Depot bedeutet.

2026 ist das Ablaufjahr der heiligen 70/30-Formel

DIE Standardantwort auf Diversifikation im ETF-Portfolio? Das war und ist die Kombination aus 70 % MSCI World und 30 % MSCI Emerging Markets.
Diese Empfehlung liest du in jeder Zeitschrift, hörst du in jedem Podcast und lernst du in jeder Masterclass.
Solche Empfehlungen sind grundsätzlich ein Blick zurück. Sie beantworten nur, was in der Vergangenheit erfolgreich gewesen wäre. Aber sie sind zu langsam für eine Gegenwart, die sich gerade fundamental verändert.

Egal wie du rechnest: 100 % KI

Was in der Gegenwart passiert, ist schnell erzählt. Der MSCI World ist längst kein breiter Marktindex mehr. Er ist zu einer konzentrierten Wette auf künstliche Intelligenz geworden: Nvidia als Lieferant und Taktgeber, und die großen Technologiekonzerne Microsoft, Amazon und Google als Abnehmer der Nvidia-Chips. Die großen KI-Treiber machen mittlerweile ein Viertel des Index aus. Das weißt du ja schon, denn auch das hörst du mittlerweile in jedem Podcast.

Was aber derzeit noch weniger bekannt ist: Der MSCI Emerging Markets hat genau dasselbe Problem, nur noch viel schlimmer.
TSMC, der taiwanesische Auftragsfertiger für KI-Chips, steht bei über zwölf Prozent im Index. Taiwan, China und Korea machen zusammen knapp 64 % des gesamten Index aus. Und allein der IT-Sektor steht bei fast 35 %, wobei sich KI ja auch in allen anderen Industriesektoren versteckt.

Du siehst also: Es ist egal, mit wie viel Prozent du den MSCI World und den MSCI Emerging Markets kombinierst. Am Ende bekommst du immer 100 % KI.

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Früher T-Shirts. Heute Chips.

Es ist nicht nur einfach KI, die in beiden Aktienindizes dominiert. Denn das würde eine Streuung über verschiedene Firmen, Anwendungsbereiche und Lieferketten hinweg ermöglichen. Aber nein: die KI ist aufgrund der hohen notwendigen Kapitalkosten heute so konzentriert, dass es sich in beiden Aktienindizes sogar um ein und dieselbe Wertschöpfungskette handelt.

Denn Nvidia entwirft die KI-Chips. Microsoft, Amazon und Google bauen die Rechenzentren, in die sie die Nvidia-Chips einbauen, und entwickeln die KI-Anwendungen darauf. Die 4 MSCI-World-Mitglieder sind der Kopf.

Im MSCI Emerging Markets sitzt die Hand. TSMC fertigt die Chips für Nvidia. SK Hynix und Samsung liefern den Hochleistungsspeicher, ohne den kein KI-Chip funktioniert.

Die Emerging Markets waren schon immer die Zulieferseite der Welt. Früher hat China die Konsumgüter gefertigt, Brasilien die Rohstoffe geliefert. Die Arbeit war im Süden und Osten, die Marge und die Idee im Norden und Westen. Das Grundprinzip war dasselbe: die entwickelte Welt entwirft und nutzt, die Schwellenländer stellen her.

Was sich nun verändert hat, ist das Produkt. Statt T-Shirts und Eisenerz kommen heute Halbleiter und Hochleistungsspeicher aus Taiwan und Korea. Hochwertiger, strategisch kritisch und unverzichtbar.

Rebalancing? Sinnlos.

Damit wird klar: Die Korrelation zwischen MSCI World und MSCI Emerging Markets war schon immer da. Aber früher gab es wenigstens Tage, an denen Brasilien nach oben ging und das Silicon Valley nach unten. Heute nicht mehr. Wenn KI-Aktien fallen, fallen TSMC und SK Hynix mit. Kopf und Hand hängen am selben Nervenstrang. Die Diversifikation zwischen MSCI World und MSCI Emerging Markets hat strukturell aufgehört zu funktionieren.

Weil beide Indizes dieselbe Wette sind, ergibt auch das klassische Rebalancing zwischen ihnen keinen Sinn mehr. Wenn du Anteile vom MSCI World in den MSCI Emerging Markets verschiebst (oder umgekehrt), veränderst du nicht dein Risiko. Du verschiebst es nur von einer Seite der Lieferkette auf die andere. Die Wette bleibt dieselbe. Das ist kein Rebalancing. Das ist Umdekorieren mit Steuern und Gebühren.

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Lauf, KI, lauf!

Und dieses Narrativ läuft. Und läuft. Und läuft. Dein Depot freut sich. Und du dich mit. Solange es läuft.

Jetzt denkst du vielleicht: Dann raus. Umschichten. Absichern.
Aber einen der beiden zu verkaufen ist keine Antwort. Der MSCI World und der MSCI Emerging Markets laufen, weil das KI-Narrativ trägt. Und das wird noch einige Zeit so bleiben. Erst wenn das KI-Narrativ ins Stocken gerät, werden beide gleichzeitig korrigieren.

Kein Grund zur Panik. Stelle dich nur heute schon auf die Volatilität ein, die kommen wird und zwangsläufig dazugehört.

Das sind die KI-Verderber

Wenn du darüber hinaus echte Streuung suchst, musst du dich bei anderen Treibern und anderen Abhängigkeiten umschauen.
Der STOXX Europe 600 wird von Gesundheit, Industrie und Konsumgütern dominiert. Roche forscht an Medikamenten. Airbus baut Flugzeuge. Deren Quartalsergebnisse hängen nicht direkt davon ab, ob Nvidia seine selbstgesteckten Ziele übertrumpft und die Welt in Staunen versetzt.

Und Länderindizes wie der FTSE 100 oder ein reiner MSCI India erzählen strukturell andere Geschichten. Britische Banken und Energie hier. Indisches Binnenwachstum dort, getrieben von Demografie und Infrastruktur, nicht von Halbleiterzyklen.

Das alles steckt zwar bereits in deinem World-EM-Portfolio. Aber in homöopathischen Dosen, vom KI-Gewicht erdrückt. Wenn du lieber diese Treiber im Depot haben willst, musst du sie aktiv übergewichten. Nicht hoffen. Handeln.

Hier findest du alle Kolumnen von karina:

Bleiben? Oder gehen? Für mich klar

Ich bleibe. MSCI World, MSCI Emerging Markets, das volle Programm.
Ich bin nicht blauäugig. Ich weiß genau, welche Wette ich da eingehe. Ich sehe den Klumpen. Ich sehe die Konzentration. Ich sehe, dass Kopf und Hand am selben Nervenstrang hängen. Und ich bleibe trotzdem dabei, weil ich an KI glaube, weil mein Zeithorizont lang ist und mein Nervenkostüm es aushält.
Wenn die Korrektur kommt, wird sie mich nicht überraschen. Sie steht bereits im Kalender. Noch ohne Datum, aber mit Platz.

Das ist keine Empfehlung. Das ist der Unterschied zwischen Zittern und ruhig schlafen.

Augen auf. Depot an. Weitermachen.

Über Karina

Karina Metzdorf ist Elektrotechnikingenieurin, Hundemama und seit über 14 Jahren begeisterte Investorin an der Börse. Der Wunsch nach langen Reisen – möglichst noch vor dem Renteneintrittsalter – brachte sie früh dazu, sich intensiv mit Geldanlage zu beschäftigen. Die Börse wurde schnell zu ihrer Leidenschaft: Karina investiert in Aktien, ETFs, Gold und Bitcoin und hat sich zur Börsenhändlerin sowie Finanzanlagenfachfrau zertifizieren lassen. Als sie merkte, dass sie mit keiner ihrer Freundinnen über das Investieren sprechen konnte, gründete sie Börse in Pink. Ihre Mission ist es, Frauen Börsenwissen verständlich und praxisnah zu vermitteln. In ihren Online-Kursen, Vorträgen und Workshops steckt sie mit ihrer Begeisterung und Erfahrung an. Auf finanzielle.de schreibt Karina in Pinkvestiert, ihrer monatlichen Börsenkolumne, über kluge Anlagestrategien und aktuelle Marktentwicklungen – immer mit dem Ziel, Frauen zu ermutigen, selbstbestimmt finanzielle Entscheidungen zu treffen und langfristig Vermögen aufzubauen.

Karina Metzdorf
Foto: Angelika Graf

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© Marcus Witte
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