Hormonanalyse, Hormonersatztherapie, Window of Opportunity: Viele Frauen kommen heute mit ziemlich konkreten Vorstellungen in die gynäkologische Sprechstunde. Dr. med Gesal Zörnig aus Kassel findet es gut, dass sie besser informiert sind. Gleichzeitig erlebt sie, wie Social Media neue Unsicherheiten und hohe Erwartungen schafft. Für die Gynäkologin zählt deshalb vor allem die individuelle Situation: Was verändert sich im Körper? Was belastet die Frau wirklich? Und welche Behandlung passt zu ihr?
Gesal Zörnig begann ihre ärztliche Laufbahn in der Inneren Medizin. Später wechselte sie innerhalb des Klinikbereichs in die Gynäkologie und Geburtshilfe, wo sie ihre Facharztweiterbildung absolvierte, bevor sie zunächst angestellt in einer Praxis arbeitete und sich dann selbstständig machte. Heute führt sie eine gynäkologische Praxis sowie eine Privatpraxis für ästhetische Medizin Gesal Aesthetics. Was ihr wichtig ist: Frauen über Jahre zu begleiten, sensible Themen offen anzusprechen und ihnen das Gefühl zu geben, mit ihren Fragen ernst genommen zu werden.
Gerade Perimenopause und Wechseljahre sind auf Social Media inzwischen riesige Themen. Ist das aus ärztlicher Sicht eher Fluch oder Segen?
Gesal Zörnig: Grundsätzlich ist das positiv, wenn Patientinnen gut informiert in die Praxis kommen. Gerade beim Thema Wechseljahre und Perimenopause wissen Frauen heute deutlich besser über mögliche Beschwerden Bescheid und können einordnen: Ich habe diese oder jene Symptome, das könnte damit zusammenhängen.
Der Nachteil ist, dass auf Social Media natürlich auch sehr viel gezeigt und beworben wird. Dann kommen Patientinnen und möchten zum Beispiel unbedingt eine Hormonanalyse. Oder sie haben ein Buch gelesen und sagen: Ich möchte definitiv eine Hormonersatztherapie. Teilweise werden dann Dinge gefordert, die medizinisch vielleicht gar nicht sinnvoll sind.
Dann muss man in der Praxis wieder einordnen und erklären, welche Untersuchungen und Behandlungen tatsächlich sinnvoll sind. Welche Diagnostik ist medizinisch sinnvoll und passt die gewünschte Therapie überhaupt zur individuellen Situation? Einerseits sind die Frauen also informierter. Andererseits muss man manches wieder einordnen.
Viele Frauen haben inzwischen Angst, bei einer Hormonersatztherapie den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Woran machst du fest, wann eine Behandlung sinnvoll sein kann?
Das kann man nicht allein anhand von Blutwerten festmachen. Natürlich weiß man ungefähr, in welchem Alter der Hormonmangel beginnt. Aber man behandelt keine Laborwerte und auch kein „Window of Opportunity“, sondern die Patientin und ihre Symptome. Die Symptome sind für mich wegweisend.
Dabei müssen individuelle Risikofaktoren, die persönliche Vorgeschichte und Familienanamnese berücksichtigt werden: Gibt es Krebserkrankungen? Gibt es Osteoporose in der Familie oder auffällig viele Knochenbrüche? Und ganz wichtig ist das Befinden der Patientin. Es gibt keine Standardlösung, bei der man sagt: In diesem Alter fängt jede Frau an. Zu früh ist es nicht notwendig, zu spät sollte man ebenfalls nicht beginnen. Für mich sind vor allem die Symptome entscheidend.
Natürlich schaue ich auch darauf, was eine Frau sonst schon macht. Sport, Meditation, Yoga und Krafttraining können sich positiv auswirken. Wenn jemand davon bisher gar nichts macht, kann man zunächst sagen: Versuch das doch erst einmal und schau, wie es dir damit geht.
Wenn eine Frau aber ohnehin einen gesunden Lebensstil hat und trotzdem Beschwerden wie beispielsweise starken Schlafstörungen hat, dann kann man gemeinsam prüfen, ob eine Hormontherapie sinnvoll ist mit Blick auf die Beschwerden und mögliche Kontraindikationen. Das sollte man natürlich danach regelmäßig überprüfen und individuell anpassen.
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Viele Frauen kommen zu dir, die sich vorher nicht richtig beraten gefühlt haben. Was macht für dich gute gynäkologische Beratung aus?
Ich habe tatsächlich viele Patientinnen, die zu uns wechseln und sagen: „Ich wurde noch nie richtig beraten. Das geht immer zack, zack, zack.“
Gerade in bestimmten Lebensphasen, etwa in der Pubertät oder in den Wechseljahren, stellen sich die Hormone um. Da gibt es einfach mehr Gesprächsbedarf. Das ist für uns Ärztinnen und Ärzte schwierig, weil diese Gespräche viel Zeit benötigen und sich diese Zeit im Kassensystem nicht immer entsprechend abbilden lässt.
Trotzdem finde ich: Wenn man ein wichtiges oder sensibles Thema hat, muss man sich ernst genommen fühlen. Wenn ich beispielsweise mit einer Patientin eine Hormonersatzherapie beginne, sage ich nicht: Kommen Sie in einem Jahr wieder. Dann sage ich: Kommen Sie in drei Monaten und wenn vorher etwas ist, früher. Dann besprechen wir, wie es ihr geht. Für mich gehört dazu, dass man sich betreut und nicht allein gelassen fühlt.
Gleichzeitig ist die Zeit in einer Kassenpraxis knapp. Kann man in wenigen Minuten überhaupt herausfinden, was einer Patientin fehlt?
Zeit ist auf jeden Fall wichtig und natürlich würde ich mir manchmal mehr davon wünschen.
Mit einer gezielten Anamnese kann man trotzdem sehr viel herausfinden. Wenn ich ein Symptom einordnen oder eine Diagnose stellen möchte, brauche ich nicht grundsätzlich eine halbe Stunde, wenn ich die richtigen Fragen stelle. Bei einer neuen Patientin braucht man natürlich länger. Wenn ich jemanden schon öfter gesehen habe, kenne ich die Person und ihre Vorgeschichte.
Außerdem braucht nicht jede Patientin bei jedem Termin gleich viel Zeit. Manchmal geht ein Termin schneller und bei einer anderen weiß ich: Hier besteht gerade mehr Gesprächsbedarf. Dann dauert es eben länger.
Es gibt Beschwerden, über die viele Frauen nur ungern sprechen. Welche Themen begegnen dir dabei besonders häufig?
In der Gynäkologie sind das beispielsweise Inkontinenz, psychische Belastungen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Das sind Dinge, über die ungern gesprochen wird. Viele denken vielleicht: Das hat fast niemand. Oder es ist ihnen einfach unangenehm.
Ich sage meinen Patientinnen häufig: ‚Ihnen muss nichts peinlich sein.‘ Sie dürfen ganz offen mit mir reden, egal, worum es geht.
Bei manchen Frauen aus bestimmten Kulturkreisen ist es außerdem wichtig zu erklären, dass es die ärztliche Schweigepflicht gibt. Was hier gesagt wird, bleibt hier. Manche wissen das nicht. Dann muss man ihnen erst einmal diesen Raum geben, damit sie sich öffnen können.
Du hast selbst afghanische Wurzeln. Hilft dir das dabei, bestimmte Patientinnen besser zu verstehen?
Meine afghanischen Wurzeln helfen mir schon dabei, bestimmte Wertvorstellungen, Lebensweisen oder Denkweisen aus manchen Kulturkreisen besser zu verstehen. Ich glaube aber nicht, dass man alles nur an der Kultur festmachen kann. Es hängt auch von der sozialen Schicht, von Bildung, Erziehung und davon ab, wie selbstbestimmt eine Frau aufgewachsen ist.
Du hast eine Zusatzausbildung in psychosomatischer Grundversorgung. Wie häufig spielen psychische Belastungen bei körperlichen Beschwerden eine Rolle?
Meinem Gefühl nach ziemlich häufig. Körperliche und psychische Faktoren können sich gegenseitig beeinflussen. Deshalb gehört für mich zu einer Anamnese auch die Frage, welche Belastungen es aktuell gibt – ohne dass die Beschwerden immer direkt als psychisch eingeordnet werden.
Auch frühere Erfahrungen können beeinflussen, wie körperliche Symptome wahrgenommen werden. Vielleicht wird eine Frau nach einer Fehlgeburt wieder schwanger und ist bei jedem Symptom sofort sehr ängstlich. Oder jemand hatte einmal eine Zyste an der Brust oder eine Operation und nimmt danach Schmerzen sehr viel stärker wahr.
Dann frage ich auch: Was ist in den vergangenen Monaten passiert? Gab es mehr Stress? Hat sich etwas im Leben verändert? In welchen Situationen treten die Beschwerden auf?
Viele Frauen und besonders Mütter stellen sich selbst immer wieder hinten an. Kennst du das auch?
Ja. Es findet sich immer etwas, was man noch machen könnte. Es ist nie genug Zeit für alles. Trotzdem muss man sagen: Diese 15 oder 20 Minuten am Tag nehme ich mir für mich. Oder man nimmt sich bewusst ein paar Stunden in der Woche, geht in die Therme, zur Massage oder spazieren. Andere To-dos können auch einmal warten. Man muss sich selbst wichtig nehmen.
Du hast dich nach deiner Zeit in der Klinik schließlich mit einer Praxis selbstständig gemacht. Warum war dir dieser Schritt wichtig?
Die Klinikzeit fand ich toll und sehr lehrreich. Ich war vorher in der Inneren Medizin in Kassel und bin später in die Gynäkologie und Geburtshilfe gewechselt. Ich habe viele Schwangere betreut, viele Geburten begleitet und auch viele onkologische Patientinnen behandelt.
Was mir dabei gefehlt hat, war die langfristige Bindung. Man baut in der Klinik kurz eine Beziehung zu den Patientinnen auf und danach werden sie entlassen und sind weg.
In einer Praxis kann man Frauen über Jahre begleiten und sehen, wie sich etwas entwickelt. Mir war wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, aufzuklären und eine Ansprechpartnerin zu sein. Gleichzeitig habe ich durch die Praxis auch etwas mehr Zeit für meine Familie als mit 24-Stunden-Diensten und Wochenendarbeit in der Klinik.
Inzwischen bist du nicht nur Ärztin, sondern auch Unternehmerin. Wie bist du in diese Rolle hineingewachsen?
Welche Rolle spielt Geld für die Gesundheit deiner Patientinnen?
Man kann nicht vollständig selbst über medizinische Behandlungsalternativen oder über Gesundheitsleistungen bestimmen, wenn die finanziellen Möglichkeiten fehlen.
Du investierst gleichzeitig viel in deine Praxen. Wie sorgst du selbst fürs Alter vor?
Ich investiere gerade in meine Zukunft, indem ich mich beruflich erweitere. Ich habe meine gynäkologische Praxis und zusätzlich den Bereich Ästhetik aufgebaut und versuche, das weiterzuentwickeln. In beiden Bereichen ist es mir wichtig, medizinisch sinnvoll und individuell zu beraten. Auch das sehe ich als Vorsorge für meine Zukunft.
Parallel habe ich aber natürlich eine klassische Vorsorge. Als Ärztin bin ich nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung, sondern im Versorgungswerk der Ärztekammer.
Zusätzlich habe ich schon seit Jahren eine private Vorsorge. Ich habe eine Versicherung und investiere außerdem in ETFs. Mir ist wichtig, das schon im Vorfeld zu machen. Ich kann nicht kurz vor der Rente anfangen, für die Rente vorzusorgen.
Wenn du allen Frauen in Deutschland eine einzige WhatsApp mit einem Gesundheitstipp schicken dürftest, was würde darin stehen?
Achten Sie auf Ihre Gesundheit und fühlen Sie sich in Ihrem Körper wohl. Beides gehört untrennbar zusammen.
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