Soll ich einen ETF-Sparplan auf dem MSCI World einrichten oder lieber noch warten? Brauche ich eine private Rentenversicherung? Reicht meine gesetzliche Rente überhaupt? Unsicherheit bei der Altersvorsorge führt oft zu einem jahrelangen Aufschieben. Dabei verlieren wir Zeit und bares Geld, denn je früher wir investieren, desto länger kann unser Kapital für uns arbeiten. Tatjana Kiel und Susanne Schlösser haben sich vorgenommen, Frauen bei diesem Entscheidungsprozess zu unterstützen. Im Interview erklären sie, was uns blockiert und wie wir aus dem Grübeln ins Handeln kommen.
Das Expertinnen-Duo
Susanne Schlösser (li.) ist Business-, Karriere- und Transformations-Coach und begleitet seit vielen Jahren Menschen und Organisationen durch Veränderungsprozesse. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, was Menschen wirklich wollen und wie sie daraus konkrete Ziele entwickeln. Ein weiterer Schwerpunkt ist Female Empowerment: Gemeinsam mit Tatjana Kiel und anderen Autorinnen veröffentlichte sie 2025 das Buch „Bullshit-Bingo – Was Frauen nicht mehr hören wollen“, das Frauen darin bestärken will, abwertenden Aussagen selbstbewusst entgegenzutreten.
Tatjana Kiel ist CEO von Klitschko Ventures und arbeitet seit vielen Jahren mit Wladimir Klitschko zusammen. Als Gründerin der Initiative #WeAreAllUkrainians engagiert sie sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs für die Menschen in und aus der Ukraine und setzt Hilfsprojekte vor Ort um. Auch beruflich beschäftigt sie sich intensiv mit der Frage, wie Menschen Herausforderungen strukturiert angehen und ins Handeln kommen. Gemeinsam mit Wladimir Klitschko entwickelte sie die Methode FACE the Challenge, die mit Fokus, Agilität, Koordination und Ausdauer einen strukturierten Weg durch Herausforderungen und Veränderungsprozesse beschreibt.
Für ihren 6-wöchigen Workshop „Raus aus der Rentenfalle – Deine Zukunft entscheidet sich heute“ verbinden die beiden damit zwei entscheidende Perspektiven: Entscheidungen strukturiert treffen und Veränderungen tatsächlich umsetzen. Mehr Infos zum Workshop und ein echtes Goodie für finanzielle-Leserinnen findest du am Ende des Interviews.
Was hilft mir bei Entscheidungen? Tatjana und Susanne im Interview
Bauch oder Kopf?
Tatjana Kiel: Mein Kopf sortiert die Fakten und dabei gehe ich methodisch vor, weil ich weiß, was es für gute Entscheidungen braucht. Aber die Entscheidung fällt dann ganz klar im Bauch. Meist weiß man ja vorher schon: Das, was der Bauch „denkt“, ist richtig.
Susanne Schlösser: Früher habe ich mein Bauchgefühl oft zur Seite geschoben und den Kopf entscheiden lassen. Im Rückblick wäre jedoch meist die Bauchentscheidung die richtige gewesen. Daher versuche ich heute auf den Bauch zu hören und dann die Details im Kopf zu entwickeln.
Schnell entscheiden oder eine Nacht drüber schlafen?
Tatjana Kiel: Beides – je nach Entscheidung. Alles, was kleine Konsequenzen hat und umkehrbar ist, automatisiere ich – da muss ich gar nicht mehr wirklich entscheiden. Die großen Entscheidungen, die Raum brauchen, dürfen eine Nacht bekommen. Manchmal auch zwei.
Susanne Schlösser: Die meisten Entscheidungen treffe ich sofort. Alles was länger in meinem System ist, kostet mich Energie, die ich dann nicht für andere Dinge habe. Bei lebensverändernden Entscheidungen nehme ich mir Zeit und Raum und dank Tatjana inzwischen auch ein System, das mir hilft eine fundierte Entscheidung zu treffen.
Was blockiert uns wirklich bei Entscheidungen?
Tatjana Kiel: Ängste – aber nicht die, die wir vermuten. Es ist selten die Konsequenz selbst. Es ist die Konsequenz der Konsequenz der Konsequenz – die, die keiner absehen kann. Und die Umkehrbarkeit: der Moment, in dem wir wissen, es gibt kein Zurück mehr. Bei den ganz großen Entscheidungen kommt die eigentliche Angst dazu: Was passiert danach mit uns? Das sind die Points of No Return – Entscheidungen, nach denen wir nicht mehr dieselben sind. Und als wäre das nicht genug: Meist müssen nicht nur wir mit der Entscheidung leben. Andere auch.
Susanne Schlösser: Das ist meiner Meinung nach vom Persönlichkeitstyp, den eigenen Erfahrungen und Prägungen sowie Glaubenssätzen abhängig. Es sind immer Ängste, doch wovor wir Angst haben, unterscheidet sich signifikant. Ob vor dem Unbekannten, dem Risiko, der Veränderung manchmal sogar vor positiver Veränderung, weil bspw. jemand so geprägt ist, dass er oder sie es nicht verdient hat. Wenn man wirklich in den Prozess einsteigt, was für eine Angst da ist und wo sie her herkommt, ist man oft überrascht. Aber mit dem Wissen, kann man auch in die Veränderung gehen.
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Welche Entscheidung hat dir persönlich am meisten abverlangt?
Tatjana Kiel: Auf dem Weg gab es viele. Wenn ich zurückschaue, merke ich: Ungefähr alle zwei Jahre gibt es eine Entscheidung, die mich komplett verändert und mir viel abverlangt hat. Das sind nicht immer Entscheidungen, die ich selbst treffe – manche kommen von außen, wie der russische Angriffskrieg. Und wenn ich abwägen müsste, wäre das wohl auch meine schwierigste Entscheidung persönlich: für mich klar zu verstehen, dass das, was dort passiert, eine solche Ungerechtigkeit ist, dass ich alles dafür tun würde, um der Ukraine zu helfen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Aber ab diesem Moment gab es kein Zurück mehr.
Susanne Schlösser: Ich habe in meiner Ausbildung zur Business und dann zur Karriere Coach gelernt, dass mein Leben sich alle 7 Jahre signifikant verändert. Das schwarz auf weiß zu sehen und dann mit dem Wissen alles was kommt zu beobachten, hat für mich vieles leichter gemacht. Die Entscheidungen, die mir persönlich am meisten abverlangt haben, waren immer sehr persönliche Entscheidungen, die lebensverändert waren.
Tatjana, du hast die Methode FACE entwickelt. Nutzt du sie für Entscheidungen?
Tatjana Kiel: Ich nutze sie in meinem kompletten Alltag – um mich zu strukturieren, Ziele anzugehen, den Weg vor mir zu sehen und zu wissen, wen ich dafür brauche. Das Wichtigste ist der Fokus auf mich selbst: Wofür stehe ich? Wer bin ich? Wo will ich hin? Wenn das klar ist, ist die Frage bei jeder Entscheidung relativ einfach: Kann ich dazu stehen – ja oder nein?
Welchen Bullshit-Satz habt ihr selbst zu lange geglaubt?
Tatjana Kiel: Bei mir war es: „Man muss Opfer bringen, wenn man Kind und Karriere will.” Den habe ich sehr oft gehört, als ich schwanger war. Und er hat mich tatsächlich einiges infrage stellen lassen. Meine Lieblingsantwort heute: „Stimmt. Du wärst mein Erstes.” Genau diese Augenhöhe wiederherzustellen – darum geht es.
Susanne Schlösser: Bei mir war es der Satz: “Du bist zu empfindlich”. Der fiel sehr oft, wenn ich Ungerechtigkeit benannt habe, ungleiche Behandlung transparent gemacht habe. Lange dachte ich wirklich, ich bin empfindlich, bis ich gemerkt habe, dass dieser Satz einfach nur eine einfache Art war mich mundtot zu machen.
Woran erkenne ich, ob ich noch abwäge oder längst prokrastiniere?
Tatjana Kiel: So wie es ASAP gibt, gibt es auch ALAP – as late as possible. Es gibt Entscheidungen, die sollen gar nicht schnell gefällt werden. Die brauchen Bedenkzeit und viel Abwägen – und das ist kein Prokrastinieren. Es gibt unterschiedliche Entscheidungsarten, und für jede Art gibt es andere Wege, zu einer Entscheidung zu kommen. Genau diesen Unterschied muss ich mir bewusst machen. Und: Entscheiden kann man lernen. Am besten fängt man mit einfachen und kleinen Entscheidungen an.
Warum fällt es gerade bei Geld und Altersvorsorge so schwer, vom „Ich müsste” zum „Ich mache” zu kommen?
Tatjana Kiel: Wenn wir uns die Historie anschauen, wird einiges klar: Die Männer waren die Alleinverdiener, die Frauen haben auf die Kinder aufgepasst. Wer hat sich also um das Geld gekümmert? Die Männer – zumindest wenn es um Vorsorge ging. Das hat sich in den letzten Jahren radikal verändert: Die Scheidungsrate steigt, Frauen rutschen in die Teilzeitfalle und von dort in die Altersarmut. Viele können sich nicht einmal trennen, wenn sie wollten, weil das Geld schlicht nicht da ist. Dahinter steckt viel Angst: sich allein kümmern zu müssen – und nicht genug zu haben. Genau deshalb ist dieses Thema wichtiger denn je.
Susanne Schlösser: Ergänzend würde ich sagen, dass Frauen durch patriarchale Strukturen auch gelernt haben, sich vor allem um andere zu kümmern. Um den Mann, die Kinder, die Eltern. Sie selbst kommen zuletzt und das bedeutet oft: gar nicht. Viele Frauen übertragen das leider auch auf finanzielle Themen, allen voran die Altersvorsorge. Für den Ballettunterricht der Kinder oder die neuen Fußballschuhe ist Geld da, aber für die eigene Altersvorsorge nicht, das wird dann auf später verschoben. Daher ist es so wichtig, dass Frauen lernen sich selbst zu priorisieren.
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Kann man ohne Fachwissen überhaupt eine gute Entscheidung über Altersvorsorge treffen?
Tatjana Kiel: Das Wichtigste ist, sich überhaupt erst einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn damit fällt schon die erste Barriere. Danach empfiehlt sich eine klare Reihenfolge: Erst die Zielklärung – was will ich eigentlich wirklich? Dann die Bestandsaufnahme – wie viel Geld habe ich, wie viel kann ich entbehren und investieren? Und erst zum Schluss die Anlagestrategie – eine Plattform, eine Immobilie, ein Berater bei der Bank? Da gibt es so viele unterschiedliche Wege. Das Fachwissen kann ich mir Schritt für Schritt aneignen. Wissen ist nicht der Anfang – die Entscheidung ist der Anfang.
Was passiert in eurem Workshop mit einer Frau, die sagt: „Ich weiß, dass ich etwas tun muss – aber nicht was”?
Tatjana Kiel: Wir finden in diesen Wochen gemeinsam heraus, was ihre eigentliche Herausforderung ist – und entwickeln im besten Fall eine klare Zielvision. Das Besondere: Sie hört die Beispiele der anderen Frauen, bekommt kollegiale Beratung und hat am Ende eine konkrete Vorstellung davon, was sie tun will. Aus einem diffusen „Irgendwas müsste ich” wird Schritt für Schritt ein klares Bild – von dem, was sie will, was sie kann und was ihr ersten konkreten Schritte sind.
Wann habt ihr selbst mit eurer Altersvorsorge begonnen – und was macht ihr heute konkret?
Tatjana Kiel: Es war am Ende ein gemeinsamer Wunsch von mir und meinem Vater, die Themen Erbe, Anlage und Vermögen einmal so aufzustellen, dass wir wissen: Alle sind abgesichert. Nicht irgendwann panisch, weil es sein muss – sondern im Vorfeld, in Ruhe erledigt. Wir haben viel diskutiert, bis wir wirklich eine gute Lösung gefunden haben. Inzwischen gilt diese Grundabsicherung auch für meine Tochter. Und heute konkret: Ich überweise mir monatlich Geld auf eine Plattform, das ich dann mit in mein Portfolio anlege.
Susanne Schlösser: Ich habe mir eine Immobilie gekauft, in der ich aktuell selbst wohne. Dazu habe ich einen ETF-Sparplan und investiere auch punktuell immer wieder in Aktien. Und ich habe als Selbständige eine klassische private Altersvorsorge bei einem Versicherer.
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Mit „Entscheidet euch!“ starten Tatjana Kiel und Susanne Schlösser im Januar ein neues sechswöchiges Format für finanzielle Entscheidungen, bei denen mehr Informationen allein nicht weiterhelfen. Du arbeitest an deiner eigenen Frage, prüfst deine Möglichkeiten und gehst am Ende mit einem konkreten Plan raus.
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Start: 12. Januar 2027 | 6 Online-Sessions









