Die Friseurmeisterin und Unternehmerin aus dem Saarland hat sich mit SIMPLIE HAIR nicht nur eine eigene Technik und Produktlinie aufgebaut, sondern kämpft gleichzeitig für faire Löhne, gesunde Preiskalkulationen und ein neues Selbstverständnis in einer Branche, die lange unter ihrem Wert verkauft hat. Im Gespräch erzählt sie, warum Selbstständigkeit mehr Mindset als Mut ist, was Umsatz mit Gewinn zu tun hat und warum Geld für sie kein schmutziges Wort ist.
Der Sprung ins kalte Wasser
Inga, du hast in sehr jungen Jahren deinen ersten eigenen Salon eröffnet, weil sich dir die Gelegenheit bot. Dein Motto lautet: „Einfach machen!“ Warum tun sich gerade Frauen oft so schwer damit, Gelegenheiten beim Schopf zu packen und den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?
Inga Neufang: Ich glaube, es sind vor allem Ängste, die einem von außen mitgegeben werden. In meinem Umfeld gab es viele, die selbstständig waren und damit keine guten Erfahrungen gemacht hatten. Dieses Bild vom „Selbst und ständig“ hat sich tief eingegraben und da ist natürlich etwas Wahres dran. Aber es bedeutet nicht, dass Selbstständigkeit per se etwas Schlechtes ist. Ich bin lieber viel und für mich selbst tätig, als in einem Angestelltenverhältnis eingeengt zu sein und mich nicht entfalten zu können.
Das Problem ist, dass man schnell madig gemacht wird, sobald man auch nur davon spricht, sich selbstständig zu machen. „Willst du das wirklich? Mitarbeiter sind doch ein schwieriges Thema.“ Diese Sätze setzen sich fest. Ich selbst wollte anfangs auf gar keinen Fall selbstständig sein – und Extensions fand ich übrigens auch ganz doof. Umso lustiger, dass ich heute eine eigene Firma dafür habe. Das waren alles Glaubenssätze, die mir vorgelebt wurden. Irgendwann habe ich aber verstanden: Vielleicht kann ich es auch ganz anders machen. Und genau das ist der Moment, in dem Veränderung beginnt.
Wie viel Mut hat es dich gekostet, mit SIMPLIE noch einen Schritt weiterzugehen – mit eigener Produktion, eigenem Vertriebsnetzwerk, einem ganzen Unternehmen?
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Struktur schlägt Chaos
Für den Aufbau von SIMPLIE hast du dir Experten für Vertrieb und Marketing ins Boot geholt. Eine wichtige Lektion war für dich: „Man kann und muss nicht alles können.“ Wie schwer fiel es dir, Kontrolle abzugeben?
Ich hatte damals eine Freundin, deren Familie ein Unternehmen mit über 300 Mitarbeitenden führt. Ich saß ihr gegenüber mit meinen fünf Leuten und fragte sie: „Wie machst du das? Ich komme schon mit fünf nicht klar.“ Ihre Antwort hat mich wachgerüttelt: „Inga, ich habe eine Buchhaltungsabteilung, eine Personalabteilung, Vertrieb, Produktentwicklung. Du machst ja alles alleine.“
Durch Coachings wurde mir dann klargemacht: Das ist nicht deine Aufgabe. Es gibt Menschen, die das besser können als du. Ich habe es dann sozusagen ans Universum rausgegeben, dass ich Hilfe brauche – und die Hilfe kam. Meine heutigen Mitgründer hatten bereits ein funktionierendes System, von der IT bis zur Wirtschaftsberatung. Von heute auf morgen hatte ich eine Struktur, die ich alleine nie hätte aufbauen können. Das Loslassen fiel mir letztlich gar nicht schwer, weil ich es im kleinen Rahmen schon geübt hatte. Du merkst schnell: Der andere macht in zwei Tagen, wofür ich vier Wochen gebraucht hätte. Diese Freiheit lernst du sehr schnell zu schätzen.
Du kritisierst offen die wirtschaftlichen Strukturen in der Friseurbranche: schlechte Löhne, Fachkräftemangel, jahrelange Fehlkalkulationen. Was steckt dahinter und was machst du anders?
2018 habe ich mir einen Unternehmensberater aus unserer Branche geholt. Das war ein Wendepunkt. Ich hatte damals acht Jahre Selbstständigkeit hinter mir und wusste ehrlich gesagt nicht viel über meine eigenen Zahlen – außer dem, was am Ende des Monats in der Kasse war. Dass Umsatz nicht gleich Gewinn ist, war mir nicht wirklich bewusst.
Ich habe immer extrem viel gearbeitet, 14- bis 15-Stunden-Tage waren normal. Der Steuerberater hat applaudiert, weil die Zahlen gut aussahen. Aber er hat nicht gesehen, wie sie zustande kamen – nämlich durch meine persönliche Mehrarbeit weit über das Übliche hinaus. Als der Berater mir sagte: „Inga, wenn du jetzt ausfällst, trägt sich dein Salon nicht selbst“- das war ein Schock. Meine Mitarbeiterinnen waren voll ausgelastet, aber die Preise waren so niedrig kalkuliert, dass sie die laufenden Kosten kaum decken konnten. Das ist leider kein Einzelfall in unserer Branche. Es ist ein strukturelles Problem, das sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.
Warum fällt es Dienstleisterinnen so schwer, selbstbewusst Preise zu verlangen, die faire Löhne und gesundes Wirtschaften ermöglichen?
Als ich 2010 von der Meisterschule kam und meine erste Kalkulation aufgestellt habe, kam ein Preis heraus, der 15 Euro über dem lag, was alle anderen in meiner Umgebung verlangten. Mit 21 Jahren, frisch im Heimatdorf, traust du dich nicht einfach, teurer zu sein als alle anderen. Also orientierst du dich am Markt, schreibst einen Preis auf die Liste, der sich irgendwo dazwischen einordnet und bist von Anfang an falsch kalkuliert.
Diese 15 Euro wieder rauszuholen, dauert dann Jahre. Du arbeitest so nah am Menschen, du bist so tief im sozialen Gefüge deiner Kunden, dass du Angst hast: Wenn ich jetzt die Preise erhöhe, kommen die nicht mehr. Heute würde ich das anders machen. Aber ich verstehe, warum es so schwer ist. Wenn ich das auf Geburtstagen erkläre, dass ein Herrenhaarschnitt für 15 Euro nach Steuern, Miete und Mindestlohn schlicht nicht funktioniert, dann sagen mir die Leute am Ende immer: „So habe ich das noch nie gesehen.“ Genau das ist das Problem. Die Branche hat sich jahrelang selbst unter Wert verkauft, und jetzt zahlen viele Salons den Preis dafür.
Geld ist ein Werkzeug
Lass uns noch einen Schlenker zum Thema Finanzen machen. Du hast mit 21 Jahren einen Salon eröffnet – bist du damals finanziell alles auf eine Karte gesetzt, oder hattest du von Anfang an eine Absicherungsstrategie?
Alles auf eine Karte. Mit 21 war ich komplett auf Kredit angewiesen und bin zur Bank gegangen – was als selbstständige Friseurin gar nicht so einfach ist, weil man da kaum etwas bekommt. Das finde ich bis heute traurig, weil dir damit ein Stück weit der Weg versperrt wird. Über Zuschüsse habe ich es dann hinbekommen, aber wirklich an der Hand genommen hat mich dabei niemand.
Das hat sich erst Ende 20, Anfang 30 geändert, durch einen Partner, der tief in diesen Themen drin war und mich wachgerüttelt hat. Seitdem gebe ich dieses Wissen aktiv weiter. In unseren Finanz-Teamsitzungen erkläre ich meinen Mitarbeitenden, warum es sinnvoller ist, Geld auf einem Tagesgeldkonto zu parken statt auf dem Girokonto und was schon 20 Euro im Monat langfristig bewirken können. Wenn ich dann frage, wer das schon wusste, hebt niemand die Hand. Das sind Grundkenntnisse, die in der Ausbildung und in der Schule einfach fehlen. Mein Vater ist Akademiker und war sein Leben lang verschuldet. Das Wissen kommt also nicht automatisch mit der Bildung. Man muss es sich aktiv suchen.
Wie gehst du heute mit dem Thema Geldanlage um und investierst du neben dem Unternehmen auch privat?
Inzwischen ja. Ich habe unter anderem eine Immobilie und bin in verschiedenen Richtungen aufgestellt. Aber es war ein langer Weg dahin. Als Friseurin Rücklagen zu bilden ist strukturell schwierig und dann kommen Krisen wie Corona, nach denen man plötzlich Fördergelder zurückzahlen soll, die man längst reinvestiert hat. Das bricht dir fast das Genick, wenn du keine Polster hast.
Was mich heute antreibt, ist das Bewusstsein, dass Geld ein Werkzeug ist. Wer Geld liebt – und ich meine das nicht im gierigen Sinne, sondern im Sinne von: wer einen gesunden Umgang damit hat, kann besser für sich verhandeln, kennt seinen eigenen Wert und kann anderen etwas zurückgeben. Ich habe meinem Patenkind von Geburt an ein Konto besparen lassen. Als er letzte Woche 18 wurde und gesehen hat, was sich angesammelt hat, waren seine Augen groß. Das Geld hätte theoretisch auch mir gehört, aber ich bin froh, dass ich es ihm übergeben konnte. Genau das meine ich mit Geld als Werkzeug für Gutes.
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Mehr als nur Optik
Die Beauty-Branche ist hart umkämpft. Was macht SIMPLIE aus und was können andere nicht einfach kopieren?
Am Ende ist es die Haltung, die uns ausmacht. Wir wollen nicht nur Extensions verkaufen, wir wollen die Branche verändern. Für mich ist der Friseur nebenan keine Konkurrenz – wir haben alle genug Arbeit. Was fehlt, ist das Miteinander. Dieses Denken wollen wir mit SIMPLIE vorleben.
Konkret bedeutet das: Wir betreuen unsere Salons wirklich. Wenn jemand nach der Schulung nichts umsetzt, wollen wir wissen, warum. Oft sind es keine fachlichen, sondern mentale Blockaden: Perfektionismus, Zweifel, die Angst, dass die Kunden auf dem Land keine Extensions wollen oder den Preis nicht zahlen. Wir setzen genau dort an, weil wir wissen, dass die beste Technik nichts nützt, wenn man nicht an den eigenen Wert glaubt.
Haarverlängerungen werden oft als reines Lifestyle-Produkt abgetan. Du erzählst aber von Kundinnen, die durch SIMPLIE ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen haben – beruflich wie privat. Wie gesellschaftlich relevant ist das Thema für dich?
Ich mag das Wort „Extensions“ ehrlich gesagt nicht besonders, weil es durch Trash-TV und schlechte Beispiele so negativ besetzt ist. Was wir machen, ist etwas anderes: Wir beenden ein Leiden. Das kann temporär sein, wie nach einer Erkrankung oder nach einer Schwangerschaft mit Haarausfall oder es ist einfach das lebenslange Thema mit feinem Haar, das einem nie das Selbstbewusstsein gegeben hat, das man verdient hätte.
Mir hat ein Mann einmal gesagt: „Frau Neufang, ich wollte Ihnen nur danken, dass ich meine Frau zurückhabe.“ Sie hatte nach zwei Kindern so dünnes Haar bekommen, dass sie sich in sich selbst verloren hatte. Mit einer minimalen, natürlichen Verdichtung hat sie ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen und damit ihr ganzes Auftreten verändert. Ich kenne Frauen, die sich für Jobs beworben haben, die sie sich vorher nie zugetraut hätten. Das ist keine Kleinigkeit. Das verändert Leben.
Die Vision vom Mond
Du hast gesagt: „Wir fliegen zum Mond – da geht noch viel mehr!“ Was ist deine Vision für SIMPLIE und für dich persönlich?
Ich möchte, dass die Friseurbranche nicht mehr als schlecht bezahlter Beruf abgestempelt wird. Dass Friseurinnen und Friseure stolz auf ihren Beruf sein können und das auch finanziell spüren. Geld ist für mich kein schmutziges Wort. Es ist ein Werkzeug. Was du daraus machst, liegt bei dir. Ich finde es wunderschön, dass ich Menschen Arbeitsplätze geschaffen habe, mit denen sie sich ihr Leben selbst gestalten können.
Persönlich bedeutet finanzielle Freiheit für mich: nicht mehr am Ende des Monats überlegen zu müssen, ob ich noch essen gehen kann. Das klingt simpel, aber genau das ist Lebensqualität. Und wenn das Strandhaus in Südafrika irgendwann kommt, dann habe ich es mir verdient – für alles, was ich reingesteckt habe. Aber vor allem will ich einfach ein gutes Leben führen. Und anderen in der Branche zeigen, dass das auch von ganz unten möglich ist.
Fast Check: Inga Neufang
Mein größter Gamechanger als Unternehmerin war …
… die Coachings. Sie haben mir gezeigt, wer ich bin, was ich will und wo ich aufhören muss, alles alleine machen zu wollen.
Richtig wütend macht mich in meiner Branche …
… wenn Leute gegeneinander statt miteinander arbeiten. Wir haben alle genug Arbeit. Dieses Ellbogendenken kostet die ganze Branche mehr, als es einzelnen nützt.
Geld bedeutet für mich …
… Freiheit. Die Freiheit, faire Löhne zu zahlen, in mein Unternehmen zu investieren und am Ende des Monats nicht jeden Cent umdrehen zu müssen.
Wenn ich richtig reich wäre, würde ich …
… genauso weiterleben wie jetzt und mir ein Haus in Südafrika kaufen.
Meine Superkraft ist …
… Leute miteinander zu connecten. Und: einfach machen.









