Vivien Wulf schreibt in ihrer Kolumne für finanzielle.de über Gesundheit. Ein Luxus, den sich nicht ehr jede_r leisten kann?
Tatiana Huber/ Aisleglam

Gesund sein? Muss man sich erstmal leisten können

In ihrer neuen Kolumne zerlegt Vivien Wulf den Mythos vom gesunden Leben für alle. Weshalb der Gap zwischen Pestiziden und Proteinshakes immer größer wird.

"Der Mensch opfert seine Gesundheit, um Geld zu verdienen. Danach opfert er Geld, um seine Gesundheit zurückzubekommen."

Voltaire

 

Gesund einkaufen? Eine Challenge!

Manchmal reicht ein Blick in den Supermarkt, um zu verstehen, wie sich eine Gesellschaft  verändert. Gesund leben ist längst keine reine Frage von Disziplin. Sondern zunehmend eine Frage  des Kontostands. 

Vor ein paar Tagen stand ich im Supermarkt und habe mich ernsthaft gefragt, seit wann ein  normaler Einkauf das Gefühl auslöst, man würde in einer Luxusabteilung einkaufen. Ich meine nicht bei Champagner oder Trüffel. Bei Eiern. Gemüse. Fisch. Einem vernünftigen Brot. 

Besonders absurd wird es, wenn man versucht, wirklich gesund einzukaufen. Bioprodukte oder Fleisch aus artgerechter Haltung kosten deutlich mehr. Gleichzeitig wissen wir längst, dass viele  konventionelle Produkte genau jene Dinge enthalten oder fördern, die gesundheitlich problematisch  sind: Pestizidrückstände, hochverarbeitete Zusatzstoffe, antibiotikabelastete Tierhaltung oder  enorme Stressbelastung bei Nutztieren. 

Zwischen Biohacking und Billigfleisch

Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit stecken in einem großen Teil der getesteten Lebensmittel Pestizidrückstände. Die meisten zwar innerhalb gesetzlicher Grenzwerte, aber genau da beginnt doch eigentlich die unangenehme Frage: Was passiert über Jahrzehnte hinweg mit meinem Körper, wenn er dauerhaft mit einem Mix verschiedenster leicht toxischer Stoffe belastet ist? Ehrlich beantworten kann das bis heute niemand und genau das ist das eigentliche Problem.

Beim Fleisch zum Beispiel ist die Frage eigentlich simpel: Wie soll ein Produkt gesund sein, wenn das Tier davor unter Dauerstress, Enge und Antibiotika aufgewachsen ist?

Ungleichheit gab es immer. Was sich aber verändert hat: Sie wird normalisiert. Und sie zeigt sich in einem Widerspruch, der kaum absurder sein könnte. Noch nie wurde so viel über Gesundheit geredet oder gepostet, und noch nie war sie für so viele so schwer erreichbar.

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Wellness- und Longevity-Trends boomen. Was gibt es mittlerweile nicht alles? Eisbäder,  Schlaftracking, Infusionen, private Check-ups und Darmanalysen erleben einen gigantischen Markt. Gesundheit ist längst nicht mehr nur Wohlbefinden. Gesundheit ist inzwischen auch ein  Statussymbol geworden. Das Problem ist nicht, dass Menschen gesund leben wollen. Ich selbst achte stark auf Ernährung, Tierhaltung oder Inhaltsstoffe. Das Problem ist, dass wir das inzwischen  als persönliche Entscheidung verbuchen und nicht als strukturelles Versagen.

Wer Geld hat, kauft  sich bessere Lebensmittel, ruhigere Wohnlagen, hochwertigere medizinische Betreuung, schnellere  Arzttermine, Prävention, Erholung und vor allem eines: Zeit. Zeit zum Schlafen. Zeit zum Sport. Zeit zum Kochen. Zeit, sich überhaupt mit Gesundheit beschäftigen zu können. 

Wer weniger Geld hat, lebt oft genau gegenteilig. Wer nach zehn Stunden Arbeit erschöpft nach Hause kommt, bestellt eher Essen oder erwärmt eine Fertigpackung, als noch Bio-Gemüse zu schneiden. Das ist keine mangelnde Disziplin. Das ist Realität. 

Wir sollten Gesundheit neu denken!

Das Robert Koch-Institut zeigt seit Jahren einen deutlichen Zusammenhang zwischen sozialem  Status und Gesundheitserwartung. Menschen mit geringerem Einkommen leiden statistisch häufiger 

unter chronischen Erkrankungen und haben eine niedrigere Lebenserwartung. Das ist keine  politische These. Das sind schlicht Daten. Die WHO zeigt dasselbe. 

Die neue Zweiklassengesellschaft zeigt sich deshalb längst nicht mehr nur auf dem Konto. Sondern  irgendwann im eigenen Körper. Manchmal frage ich mich ernsthaft, wann genau gesund leben zu  einem Hobby für Gutverdiener geworden ist. Im Gesundheitssystem wird das Bild noch deutlicher. Offiziell haben wir Zugang zu medizinischer Versorgung. Praktisch entsteht aber immer stärker eine  gesundheitliche Zweiklassenrealität. Privatpatienten bekommen oft schneller Termine. Wer Geld  hat, kann zusätzliche Diagnostik selbst zahlen.

Gleichzeitig warten andere monatelang auf Arzttermine. Gesundheit wird immer mehr als reine Eigenverantwortung diskutiert. Man müsse sich  eben mehr kümmern. Aber genau darin liegt doch der eigentliche Fehler, oder? Sich kümmern zu  können, ist inzwischen selbst ein Privileg geworden.

Eigenverantwortung zählt, aber sie setzt  Handlungsspielraum voraus. Den hat nicht jeder. Vielleicht müssen wir Gesundheit deshalb neu denken. Weniger als ästhetisches Lifestylethema und mehr als das, was es tatsächlich ist:  gesellschaftliche Infrastruktur. Vergleichbar mit Bildung oder sauberer Luft. Dinge, bei denen wir  als Gesellschaft irgendwann entschieden haben, dass gleicher Zugang keine Option ist, sondern eine  Grundlage. 

Denn eine Gesellschaft, in der gute Ernährung und hochwertige medizinische Versorgung langsam  zu Luxusgütern werden, produziert auf Dauer nicht nur körperliche Probleme, sondern auch  Frustration und soziale Spannungen. 

Und vielleicht wird die wichtigste soziale Frage der Zukunft deshalb nicht mehr sein, wer reich ist. Sondern wer gesund alt werden kann.

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© Marcus Witte
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