Als Gründer von Fairster und leidenschaftlicher Verbraucherschützer entlarvt er die Tricks der großen Anbieter und zeigt, warum Transparenz kein Luxus, sondern ein Recht ist. Wir haben mit dem „Stromrebellen“ Tobias Hirt, Gründer von Fairster, dem ersten Stromanbieter gemeinnütziger Trägerschaft, darüber gesprochen, wie wir uns gegen Abzocke wehren können, warum Wissen Macht ist und warum es sich lohnt, bei den Fixkosten ganz genau hinzuschauen.
Tobias, warum bist du zum „Stromrebellen“ geworden? Was war das Erlebnis, das dich so wütend gemacht hat, dass du beschlossen hast, die Energiebranche von Grund auf zu verändern?
Tobias Hirt: Über die Jahre hinweg habe ich viele Abgründe in der Branche gesehen. Ein spezieller Fall hat mich besonders geprägt und meinen Ruf als „Rebell“ begründet, obwohl ich eigentlich gar nicht die Konfrontation suche, sondern weil ich überzeugt bin, dass Vertrauen die bessere Energie ist. Es geht mir vielmehr darum, mir nicht alles gefallen lassen zu lassen. Alles begann 2018 mit dem Fall von Frau Röder, einer Imbissbetreiberin, die von ihrem mittlerweile insolventen Versorger BEV Energie GmbH massiv über den Tisch gezogen wurde. Ich habe mich mit meinem Team zusammengesetzt und wir konnten ihr erfolgreich 2.500 Euro zurückholen. Da wurde mir klar: Wenn wir das mit Stift und Papier schaffen, gelingt uns das mit einer Datenbank und Algorithmen erst recht. Das war der Startschuss dafür, uns gegen die Versorger aufzulehnen, so ist dieses „rebellische“ Image eigentlich entstanden. Dieser Impuls hat alles ins Rollen gebracht.
Viele Frauen optimieren mühsam ihre Ausgaben, lassen aber beim Stromvertrag oft hunderte Euro liegen. Warum ist der Energiecheck eigentlich ein „Quick Win“ für die finanzielle Freiheit?
Prinzipiell ist das Thema Strom gar nicht so schwierig. Der Markt wird durch unzählige vermeintliche Anbieter, Produkte und Werbeversprechen künstlich komplex dargestellt, aber eigentlich ist das Produkt simpel. Im Grunde bieten alle dasselbe an. Wenn du dich nicht vom Lärm der Außenwelt und den vielen Angeboten beeindrucken lässt, kannst du schnell durchschauen, was du wirklich brauchst. Wer sich auf die relevanten Fakten beschränkt und nicht nur auf den Rabatt beschränkt, sondern auf die tatsächlichen Kosten über die gesamte Laufzeit schaut, erkennt oft sehr schnell, ob ein Tarif fair und passend ist und kann viele Kostenfallen vermeiden.
Du sagst, die Branche trickst massiv. Was sind die drei deutlichsten Warnsignale in einer Stromrechnung, bei denen ich sofort hellhörig werden sollte?
Verbraucherinnen und Verbraucher müssen keine Energieexpert:innen sein, um einen fairen Tarif zu erkennen. Ein seriöser, fairer Vertrag sollte einfach und verständlich sein und bestenfalls auch dem Kalenderjahr folgen – also vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. Der Grund: Zentrale Bestandteile des Strompreises, etwa Netzentgelte, Umlagen oder Abgaben, werden häufig zum Jahreswechsel angepasst. Viele Anbieter nutzen das, um Margen zu verstecken. Wenn ein Tarif vor allem mit einem hohen Neukundenbonus wirbt, lohnt sich ein Blick auf den Preis nach dem ersten Jahr.
Oft wirkt das Angebot zunächst günstig, wird später aber deutlich teurer. Auch wenn Grundpreis und Arbeitspreis in einem ungewöhnlichen Verhältnis stehen, sollte man genauer hinschauen. Solche außergewöhnlichen Konditionen sind oft ein Indikator dafür, dass etwas nicht stimmt. Da die Preise in Deutschland sehr volatil sind, lässt sich schwer ein fester Centbetrag als Grenze nennen, aber bei unüblichen Strukturen ist Vorsicht geboten.
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Wie viel Geld verschenkt eine durchschnittliche Leserin pro Jahr, wenn sie einfach im teuren Grundversorgungstarif bleibt?
Das hängt vom jeweiligen Versorger ab, aber im Schnitt liegen wir bei etwa 150 Euro pro Jahr. Oft sind es auch Lockangebote mit Boni, die später zur Kostenfalle werden. Wir kalkulieren bei Fairster meist so, dass wir etwa 5 Cent günstiger sind als die Grundversorger. Das klingt erstmal wenig, summiert sich aber deutlich, besonders wenn man zuvor in einem überteuerten Bestandskunden-Tarif feststeckte.
Was genau ist Fairster und warum hast du das ins Leben gerufen?
Ich habe elf Jahre lang Energie für Privat- und Gewerbekunden eingekauft und dabei gesehen, wie intransparent die Versorger agieren. Viele nutzen Taschenspielertricks, um sich als Mittelsmänner zusätzlich Geld in die eigene Tasche zu stecken, obwohl sie eigentlich nur Mittelsmänner sind. Diese Ausbeutung hat uns wahnsinnig gestört. Deshalb habe ich Fairster gegründet. Ich sehe uns als transparente Brücke zwischen Produzenten und Konsumenten. Wir wollen kein dunkler Tunnel sein, bei dem man nicht weiß, was passiert, sondern ein gläserner Weg, bei dem jeder Cent nachvollziehbar ist – vom Erzeugerpreis über die Strukturierungs- und Netzkosten bis zum Endpreis. Der Kunde soll genau den Strom bekommen, den er sich wünscht, ohne versteckte Margen. Ökostrom zum Selbstkostenpreis.
Dein Modell bei Fairster ist gemeinnützig. Warum ist es für den Geldbeutel der Kundinnen besser, wenn ein Unternehmen keine Gewinne maximieren muss?
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Wie finanziert ihr euch?
Gute Frage, denn wir verdienen nicht mehr, wenn Strom teurer wird. Statt auf versteckte Margen setzen wir auf ein bewusst einfaches und transparentes Finanzierungsmodell: Fairster an sich hat keine Mitarbeiter, es ist eher eine funktionale Hülle. Wir finanzieren uns über ein fixes Service Fee von 4,99 Euro im Monat pro Lieferstelle. Das deckt unseren Aufwand ab, damit wir den Kunden aktiv zur Verfügung stehen können. Zusätzlich erhalten wir 5 Prozent des Beschaffungspreises inkl. der Strukturierungskosten, um die interne Verwaltung, Datensysteme und Dienstleister zu bezahlen. Diese Kosten weisen wir transparent aus. Alles andere fließt entweder als durchlaufender Post an den Netzbetreiber oder dient dazu, Marktschwankungen abzufedern. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Energieversorgern ist: Wir sind nicht darauf ausgerichtet sind, Gewinne für Eigentümer oder Investoren zu maximieren. Überschüsse verbleiben nicht im Unternehmen, sondern werden an unsere Kundinnen und Kunden zurückgegeben. Wir schließen jedes Jahr mit einer schwarzen Eins ab, also mit nur einem Euro Gewinn.
Was war die größte finanzielle Herausforderung beim Aufbau eines Startups, das sich gegen die „Großen“ der Branche stellt?
Eine große Hürde war, dass wir ganz bewusst auf Investoren verzichtet haben. Wir haben das Unternehmen komplett eigenständig hochgezogen, weil wir unabhängig bleiben und unsere gemeinnützige Idee nicht an Renditeziele knüpfen wollten. Ohne massives Kapital die Komplexität des Marktes zu erschließen, alle Lizenzen zu erwerben und hunderte Verträge mit Netzbetreibern zu schließen, war eine enorme bürokratische und finanzielle Herausforderung. In der Energiebranche kann man nicht einfach mal so starten, man muss gegen riesige Strukturen ankämpfen und einen langen Atem beweisen.
Was ist das, was dich am meisten stört am Strommarkt?
Was mich neben der fehlenden Transparenz am meisten stört, ist die Arroganz, mit der viele Akteure in dieser Branche agieren. Es fühlt sich oft wie eine passive Ausbeute der Gesellschaft an. Besonders deutlich sehe ich das in meiner Arbeit mit Tobias Hirt Verbraucherschutz (THV). Bei den Legal Tech Fällen erlebe ich immer wieder, wie Anbieter versuchen, Kunden unter Druck zu setzen oder sogar zu erpressen, selbst wenn sie rechtlich auf verlorenem Posten stehen. Diese Empathielosigkeit gegenüber den Menschen ist erschreckend. Ich hoffe, dass unsere Arbeit dazu beiträgt, wieder mehr Sensibilität und Empathie für den eigentlichen Kunden in diesen Markt zu bringen.
Fast Check: Tobias Hirt
Mein größter Gamechanger als Unternehmer war …
Fokus auf das Wesentliche und konsequent zu bleiben und mich nicht unterkriegen lassen.
Richtig wütend macht mich in meiner Branche …
Die fehlende Empathie gegenüber dem Kunden sowie die Arroganz es als selbstverständlich zu erachten, sich am Kunden zu bedienen. Bei der Energieversorgung wird kein Mehrwert geschaffen, aber es wird dafür sehr viel Geld von der Gesellschaft abgeschöpft, was meines Erachtens nicht rechtmäßig ist. In diesem Fall arbeitet die Gesellschaft für die Wirtschaft, was meines Erachtens so nicht vorgesehen ist.
Geld bedeutet für mich …
Eine Notwendigkeit, um Dinge erschaffen zu können, bzw. Bedürfnisse befriedigen zu können. An und für sich habe ich keinen emotionalen Bezug zum Geld.
Wenn ich richtig reich wäre, würde ich …
Nichts anders machen als bisher und dafür sorgen, dass das Geld nach meinem Ableben wieder in die Gesellschaft zurückfließt.
Meine Superkraft ist …
Ich sehe oft viele Details, die viele übersehen, die mir die Möglichkeit geben, einen besseren Ansatz für Probleme oder Opportunitäten zu finden.









