Im Interview: Gesa Crockford
Seit 2025 ist Gesa Aufsichtsratsvorsitzende der bulwiengesa AG und seit April 2024 Chief Commercial Officer der Scout24-Gruppe. Sie verantwortet die Bereiche Vertriebsorganisation, Kundendienst, Customer Relationship Management sowie Pricing. Seit April 2022 ist sie darüber hinaus Geschäftsführerin der Immobilien Scout GmbH.
Seit 2016 war sie in unterschiedlichen Führungspositionen des Unternehmens eingesetzt, unter anderem in den Bereichen Pricing, Product & Analytics sowie im Tochterunternehmen FLOWFACT.

Wie gehst du selbst mit finanziellen Entscheidungen um? Eher Bauchgefühl oder streng durchkalkuliert?
Ich konzentriere mich vorrangig auf Zahlen und Daten, aber meist haben finanzielle Entscheidungen ja auch etwas damit zu tun, welche Annahmen man für die Zukunft hat. Hier ist das Bauchgefühl dann doch wichtig, denn man muss sich wohl fühlen.
Gerade Frauen haben oft Hemmungen, größere Summen zu investieren – was denkst du, hält viele zurück? Und was kann helfen, diese Hürde zu überwinden?
Ich denke, dass in Deutschland viel zu wenig für die finanzielle Bildung getan wird. Das betrifft nicht nur Frauen. Ich finde eigentlich, dass der Grundstein dafür schon in der Schule gelegt werden sollte. Es gibt mittlerweile viele digitale Angebote, die bei den ersten Schritten unterstützen, wie Finanz-Apps, Podcasts, Online-Kurse oder Magazine wie eures.
Hast du selbst Immobilien? Falls ja: Wie bist du selbst zu deinem ersten Immobilienkauf gekommen? Gab es Stolpersteine oder Aha-Momente?
Ja, ich besitze Immobilien. Meine Motivation für den ersten Kauf war vor allem, langfristige Sicherheit für meine Familie zu schaffen. Der prägnanteste Aha-Moment kam während der Renovierungsphase: Egal wie detailliert man plant, die Kosten steigen fast immer über die ursprüngliche Kalkulation hinaus. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, Angebote nicht nur einzuholen, sondern wirklich zu prüfen und aktiv zu verhandeln.
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Welchen finanziellen Rat hättest du dir rückblickend selbst gewünscht, bevor du deine erste Immobilie gekauft hast?
Einen ausreichend großen Puffer für Renovierungskosten einzukalkulieren.
Was bedeutet für dich finanzielle Unabhängigkeit?
Einerseits, sich keine Sorgen machen zu müssen, wenn unerwartete Kosten – wie ein kaputtes Auto auftauchen. Das bedeutet, ausreichende Rücklagen für Notfälle zu haben. Andererseits auch mit Zuversicht auf die Zukunft blicken zu können und zu wissen, dass zukünftig keine zu drastische Anpassung des Lebensstandards notwendig sein wird.
Welche Fehler siehst du bei Immobilieninvestments besonders häufig – und wie kann man sie vermeiden?
Steuerliche Aspekte werden häufig vernachlässigt. Viele Käuferinnen und Käufer konzentrieren sich ausschließlich auf den Kaufpreis und die Finanzierung, ohne die langfristigen steuerlichen Auswirkungen zu berücksichtigen. Ich empfehle daher immer, eine professionelle Steuerberatung in Anspruch zu nehmen.
Wie wichtig ist es, sich als Immobilienbesitzer:in mit Finanz- und Steuerfragen auseinanderzusetzen? Was sind die größten steuerlichen Vorteile, die viele übersehen?
Tatsächlich sehr wichtig. Beispielsweise können Kaufpreisaufteilungsgutachten und Restnutzungsdauergutachten einen großen Unterschied bei der Renditeberechnung machen. Ebenso die AfA (Abschreibung für Abnutzung) im Neubau, hier haben zum Beispiel besonders energieeffiziente Wohnungen große Vorteile.
Wie gehst du mit finanziellen Rückschlägen um? Hast du eine Strategie, um nicht die Nerven zu verlieren?
Man muss wissen, welches Risiko man bereit ist, einzugehen. Für sehr hohe Risiken sollte man nur Geld nehmen, auf das man auch komplett verzichten könnte. Das ist dann naturgemäß meist nicht so viel. Wenn man andererseits sichere Investitionen macht, muss man sich auch nicht grämen, wenn die Renditen nicht so hoch sind. Meine Strategie ist: vorher klar entscheiden, das verhindert nachträgliche Enttäuschung.
Wird Immobilienbesitz deiner Meinung nach überschätzt oder unterschätzt – insbesondere von Frauen?
Immobilienbesitz ist wichtig, besonders als Säule der Altersvorsorge und als Instrument der finanziellen Sicherheit. Ich empfehle, klein anzufangen und pragmatisch vorzugehen. Nicht jeder kann sofort die perfekte Immobilie zur Selbstnutzung finanzieren. Der Einstieg als Kapitalanlegerin kann eine sinnvolle Alternative sein, da man bei Renditeimmobilien deutlich flexibler bei den Objektkriterien sein kann. Standort, Größe oder Ausstattung müssen nicht den persönlichen Bedürfnissen entsprechen, sondern den Marktanforderungen – das erweitert das verfügbare Angebot erheblich.
Wenn du deinem jüngeren Ich einen einzigen Finanz-Tipp geben könntest, welcher wäre das?
Beschäftige dich ernsthaft mit dem Konzept von Zins und Zinseszins und spare und lege kontinuierlich an. Selbst kleine, aber regelmäßige Beträge können über Jahrzehnte zu beachtlichen Summen anwachsen.