Zwischen Gischt und großen Wellen: Was Surfen über Volatilität und Rendite verrät
Ich bin gerade von der französischen Atlantikküste zurückgekehrt, wo ich jedes Jahr hinfahre, um Surfen zu lernen. Die Wellen dort sind mächtig und furchteinflößend, die Gischt peitscht, die Strömung zieht an den Beinen und mittendrin steht mein Surflehrer Charles, der mir das Brett und die Wellen erklärt. Ich aber kann mich kaum konzentrieren, weil ich sofort die Parallelen zur Börse erkenne.
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Warum steigen wir dann aus? Weil unser Gehirn nicht für die Börse gebaut ist. Verhaltensökonomen haben nachgewiesen, dass Verluste uns doppelt so stark schmerzen, wie uns Gewinne in gleicher Höhe freuen. Das Gefühl ist echt und menschlich, aber kein guter Ratgeber.
Wer bei jeder Korrektur aussteigt und auf ruhigere Zeiten wartet, verpasst genau die Tage, die die Rendite machen. Für den S&P 500 zeigen Studien: Wer über dreißig Jahre nur die zehn besten Börsentage verpasst hat, von über siebentausend, hat seine Gesamtrendite mehr als halbiert. Sieben dieser zehn Tage lagen innerhalb von fünfzehn Tagen nach den schlimmsten. Wer ausgestiegen ist, weil es ungemütlich wurde, hat die Erholung verpasst.
Volatilität ist nicht das Gegenteil von Rendite, sondern ihr Preis. Wer keine Wellen will, bleibt am Strand. Wer kein Risiko will, bekommt nur öde Tagesgeld-Zinsen, die nicht mal die Inflation schlagen.
Warum es überhaupt Wellen gibt
Eine Welle am Atlantik entsteht, wenn Wind über das offene Meer streicht und Energie auf das Wasser überträgt. Je weiter sie läuft, bevor sie auf flaches Wasser trifft, desto mehr Energie nimmt sie auf, bis sie am Strand bricht. An der Börse kommt die Energie nicht aus dem Wind, sondern aus uns selbst. Und aus einer Heerschar von Computern, die den Handel abwickeln.
Steigen Kurse, zieht das Aufmerksamkeit an. Mehr Aufmerksamkeit bringt mehr Käufer, die die Kurse weiter treiben, unabhängig davon, ob sich am Unternehmen etwas verändert hat. Genau wie eine Welle, die ungestört über offenes Meer läuft: Je länger sie Fahrt aufnimmt, desto höher baut sie sich auf. Börsianer nennen das Momentum.
Heute handeln da vor allem Algorithmen, und die kennen kein Zögern. An großen Börsen läuft ein erheblicher Teil des Handels automatisiert. Diese Programme reagieren oft auf Kursbewegungen selbst, in Millisekunden. Ein Computer, der auf die Bewegung eines anderen Computers reagiert, ist Wind, der niemals aussetzt.
Dazu kommt eine zweite Kraft, die Strömung. Das sind die ETFs. Fließt Geld in einen ETF oder ab, kauft oder verkauft der Fonds nicht selektiv. Er bewegt den gesamten Korb auf einmal. Dann ziehen Unternehmen, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben, im Gleichschritt mit.
Zusammen mit unserer eigenen Psychologie entstehen daraus große Wellen. Und jede Menge Gischt. Das ist Bewegung an der Oberfläche, die mit der Kraft darunter oft wenig zu tun hat. Algorithmen und ETF verstärken viele dieser Bewegungen zusätzlich.
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Wind, Strömung und Psychologie erzeugen beides: echte Wellen und Gischt. Nicht jede Bewegung verdient deine Reaktion. Zwei Fragen helfen, sie zu unterscheiden:
- Gibt es einen Grund, der die Wirtschaft als Ganzes betrifft, etwa eine Zinsentscheidung, eine Rezession, ein geopolitisches Ereignis? Oder bewegt sich der Index, ohne dass sich an der Lage wirklich etwas geändert hat?
- Bleibt die Bewegung über Tage und Wochen? Oder dreht sie sich um, sobald der Auslöser vorbei ist, etwa eine einzelne Verkaufswelle oder ein Optionsverfall? Gischt verschwindet so schnell, wie sie kam. Eine echte Welle bleibt.
Was zählt, sind ruhige Nerven und gute Vorbereitung.
Wenn du jetzt auf einen geheimen Surfertrick für die Börse gehofft hast, werde ich dich enttäuschen. Am Ende sind es dieselben drei Empfehlungen, die schon immer richtig waren:
Dein Anlagehorizont ist der Puffer. Die Gischt entsteht in Stunden, nicht in Jahren. Sie hat keine Richtung, die bleibt; sie verschwindet wieder. Das Wachstum der Unternehmen in deinem ETF aber bleibt. Je länger du investiert bist, desto mehr zählt das echte Wachstum. Und desto weniger die Gischt.
Über Karina
Karina Metzdorf ist Elektrotechnikingenieurin, Hundemama und seit über 14 Jahren begeisterte Investorin an der Börse. Der Wunsch nach langen Reisen – möglichst noch vor dem Renteneintrittsalter – brachte sie früh dazu, sich intensiv mit Geldanlage zu beschäftigen. Die Börse wurde schnell zu ihrer Leidenschaft: Karina investiert in Aktien, ETFs, Gold und Bitcoin und hat sich zur Börsenhändlerin sowie Finanzanlagenfachfrau zertifizieren lassen. Als sie merkte, dass sie mit keiner ihrer Freundinnen über das Investieren sprechen konnte, gründete sie Börse in Pink. Ihre Mission ist es, Frauen Börsenwissen verständlich und praxisnah zu vermitteln. In ihren Online-Kursen, Vorträgen und Workshops steckt sie mit ihrer Begeisterung und Erfahrung an. Auf finanzielle.de schreibt Karina in Pinkvestiert, ihrer monatlichen Börsenkolumne, über kluge Anlagestrategien und aktuelle Marktentwicklungen – immer mit dem Ziel, Frauen zu ermutigen, selbstbestimmt finanzielle Entscheidungen zu treffen und langfristig Vermögen aufzubauen.









