Junge Frau mit dunklen Locken steht vor einer dunkel lackierten Haustür
Miriam Alonso / Pexels

Kaufen oder nicht kaufen? Hilfe beim Immobilienkauf

Was spricht für die eigene Immobilie, was dagegen? Tatjana Kiel und Susanne Schlösser sind Entscheidungs-Expertinnen. Die beiden entwerfen zwei mögliche Szenarien und zeigen, warum die richtige Entscheidung nicht allein vom Kontostand abhängt.
Kaufen oder weiter mieten? Was finanziell vernünftig erscheint, muss nicht unbedingt zum eigenen Leben passen. In ihrer Kolumne „Entscheidet euch!“ zeigen Tatjana Kiel und Susanne Schlösser, wie unterschiedlich Lenas Leben verlaufen könnte: Wie sähe ihre Zukunft mit einer eigenen Wohnung aus? Und was gewinnt sie, wenn sie sich gegen den Kauf entscheidet?

Der Fall Lena – ein Beispiel für viele Frauen

Lena ist 41. Sie arbeitet seit fünfzehn Jahren, hat Schritt für Schritt 70.000 Euro zur Seite gelegt und wohnt zur Miete in einer Wohnung, die sie mag. Seit Monaten kreist eine Frage durch ihren Kopf , abends, beim Joggen, in Gesprächen mit Freundinnen: Sollte ich kaufen? Wäre ich dann endlich abgesichert? Sie hat Exposés gelesen, Rechner ausprobiert, sogar ein Bankgespräch geführt. Informiert ist sie. Entschieden hat sie nicht. Wenn du dich in Lena wiedererkennst: Mit dir stimmt alles. Diese Entscheidung ist groß. Und sie ist für Frauen aus sehr konkreten Gründen oft noch ein Stück größer.

Warum uns die Entscheidung für einen Immobilienkauf so schwerfällt

Uns fehlen die Vorbilder. Nur 12 Prozent der Frauen erinnern sich, dass in ihrem Elternhaus eine Frau allein eine große Anschaffung wie ein Auto oder eine Immobilie gestemmt hat. Entsprechend selten wagen wir es selbst: Männer finanzieren eine Immobilie fast doppelt so oft allein wie Frauen. Und sie tun es früher, im Schnitt mit 38,6 Jahren. Frauen erst mit 41. An der Disziplin liegt das nicht. Frauen verdienen weniger und legen trotzdem einen größeren Teil ihres Einkommens zurück: 14 Prozent, Männer nur 10 Prozent. Teilzeit, Gender Pay Gap und Care-Arbeit sorgen dafür, dass am Ende dennoch weniger auf dem Konto landet. Wenn du überhaupt vor der Frage „Kaufen, ja oder nein?“ stehst, hast du also schon etwas geschafft. Du hast Spielraum. Und genau deshalb lohnt es sich, diese Entscheidung bewusst zu treffen, statt sie liegen zu lassen.

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Szenario 1: Lena kauft

Der Tag, an dem Lena den Schlüssel bekommt, ist ein Dienstag im März. Sie kommt aus dem Notartermin, hält den Schlüsselbund hoch wie eine Trophäe und ruft ihre beste Freundin an: „Ich hab’s gemacht. Das ist meins. “Am Abend gibt es Sekt auf dem Fußboden des leeren Wohnzimmers, aus Pappbechern, weil die Gläser noch in den Kisten sind. Am Wochenende holt sie das Bild hervor, das jahrelang hinter dem Kleiderschrank stand, weil der Vermieter „keine Löcher“ wollte. Sie greift zur Bohrmaschine und bohrt. Einfach so. Dann gleich noch ein Loch, für das Regal, von dem sie seit Jahren träumt. Das Schlafzimmer streicht sie in einem tiefen Grün. Die Küche plant sie so, wie sie kocht. Und auf den Balkon kommt ein Olivenbaum, der nie wieder in einen Umzugswagen passen muss.

Das Beste aber spürt sie jeden Monat aufs Neue: Jeder Euro, den sie hier hineinsteckt, gehört ihr. Die Rate ist kein Geld, das verschwindet. Sie ist ein Stück Wand, ein Stück Boden, ein Stück Zukunft. Und selbst wenn sie eines T ages verkauft, nimmt sie diesen Wert mit. Ihre Rate von 1.680 Euro ist für zehn Jahre festgeschrieben. Während Freundinnen über die dritte Mieterhöhung stöhnen, bleibt Lenas Zahl einfach, wie sie ist. Mit jedem Jahr , in dem die Mieten um sie herum steigen, fühlt sich ihre Rate ein bisschen kleiner an, und spätestens nach zehn Jahren ist der Unterschied deutlich.

Wenn sie an die Rente denkt, zieht sich ihr Magen nicht mehr zusammen. Sie weiß: Irgendwann wohnt sie hier, ohne Monat für Monat zu zahlen. Natürlich gibt es auch Respekt. Vor der Verantwortung, wenn im Januar die Therme ausfällt und sie selbst den Handwerker rufen muss. Vor einem Commitment über viele Jahre, gerade als Frau, die ihre Freiheit liebt. Aber Lena merkt: Dieser Respekt macht sie nicht klein. Sie hat entschieden. Und sie steht dafür. Ab wann das die richtige Entscheidung sein kann: wenn Lena die Rate trägt, ohne dass ihr Notgroschen verschwindet. Wenn sie weiß, dass sie die nächsten zehn Jahre hier leben will. Und wenn sich das Ankommen für sie wie Freiheit anfühlt und nicht wie ein Käfig.

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Szenario 2: Lena bleibt

Der Tag, an dem Lena die Wohnung absagt, ist auch ein Dienstag im März. Sie schreibt der Maklerin eine freundliche Mail, klappt den Laptop zu und spürt: Die Welt steht ihr offen. Im Sommer nimmt sie sich vier Wochen frei und fährt mit dem Zug durch Portugal, ohne einen Gedanken an eine Rate. Als eine Freundin von einem Job in Lissabon erzählt, bewirbt Lena sich kurzerhand selbst auf eine Stelle dort. Drei Monate Kündigungsfrist, zwei Koffer, ein neues Kapitel. Wenn die Heizung ausfällt, ruft sie die Hausverwaltung an und kocht sich einen Tee. Ihre 70.000 Euro liegen auf dem Konto, ein Polster, das ihr jede Tür offenhält. Was sie damit noch tun könnte, ist eine andere Geschichte.

Die Jahre vergehen, und Lena sieht die Welt. Nach Lissabon kommen zwei Jahre in Kopenhagen, später ein Projekt in Barcelona. Sie war nie an eine Wohnung gebunden und hat sich ihren Traum erfüllt, immer wieder woanders zu arbeiten und zu leben. Jede Stadt hat ihr etwas mitgegeben: eine neue Sprache, Freundschaften, eine neue Version von sich selbst. Ja, sie hat immer wieder Miete gezahlt. Rechnet man alles zusammen, kommen bis zur Rente leicht über 450.000 Euro zusammen. Aber sie hat das gerne getan, denn genau das hat ihr erlaubt, so unabhängig zu leben, wie sie es wollte. Für Lena war die Miete nie verlorenes Geld. Sie war der Preis ihrer Freiheit, und den hat sie bewusst und mit offenen Augen bezahlt. Ab wann das die richtige Entscheidung sein kann: wenn Lena ihr Leben offen halten will oder muss. Wenn ihr Beweglichkeit mehr bedeutet als vier eigene Wände. Und wenn sie weiß, wie sie ihre Miete im Alter bezahlen wird, auch ohne Eigentum.

Dazwischen: das bunte Feld

Zwischen Kaufen und Nicht-Kaufen liegt kein schmaler Graubereich, sondern ein ganzesvFeld an Möglichkeiten. Ein paar davon:

  • Kleiner anfangen: eine Wohnung statt eines Hauses, eine günstigere Lage, eine Rate, die Luft zum Atmen lässt.
  • Gemeinsam kaufen: mit Partner:in, Schwester oder Freundin, aber mit klaren Verträgen darüber, wem was gehört und was bei einer Trennung passiert.
  • Kaufen, aber nicht selbst einziehen: eine vermietete Wohnung als Kapitalanlage, während du selbst flexibel zur Miete wohnst. Hier spielt die Steuer mit: Zinsen, Abschreibung und Instandhaltung kannst du von den Mieteinnahmen abziehen, und nach zehn Jahren ist ein Verkaufsgewinn in der Regel steuerfrei. Die Mieteinnahmen selbst musst du allerdings versteuern.
  • Erst investieren, später kaufen: Das Eigenkapital wächst weiter, und die Frage wird in drei oder fünf Jahren neu gestellt, diesmal bewusst und nicht aus Aufschieben.

Keine dieser Varianten ist per se besser. Entscheidend ist, ob sie zu deinen Kriterien passt: Wie viel Sicherheit brauchst du, um nachts gut zu schlafen? Wie viel Beweglichkeit, um du selbst zu bleiben? Was soll dein Geld in zehn Jahren für dich tun? Viele von uns können diese Fragen nicht auf Anhieb beantworten. Nicht, weil wir es nicht könnten. Sondern weil uns nie jemand danach gefragt hat. Und weil uns zwischen Job, Familie und allem anderen schlicht die Zeit und der Raum fehlen, uns wirklich damit zu beschäftigen. Genau dort beginnt eine gute Entscheidung: nicht beim Exposé, sondern bei dir.

Wie trifft man nun die richtige Entscheidung?

Lena muss nicht heute entscheiden. Aber sie darf die Frage auch nicht ewig liegen lassen, denn Unentschlossenheit führt in die Fremdbestimmung. Wenn du spürst, dass bei dir eine finanzielle Entscheidung ansteht und du noch nicht weißt, welche die richtige für dich ist, dann komm in unser Programm „Entscheidet euch! Finanzielle Entscheidungen“: sechs Online-Live-Sessions mit Tatjana Kiel und Susanne Schlösser. Start im Januar 2027. Wir stellen dir die Fragen, die dir vielleicht noch nie jemand gestellt hat. Und wir geben dir, was im Alltag fehlt: den Raum und die Zeit, sie wirklich zu beantworten. Am Ende steht deine Entscheidung.

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Mit „Entscheidet euch!“ starten Tatjana Kiel und Susanne Schlösser im Januar ein neues sechswöchiges Format für finanzielle Entscheidungen, bei denen mehr Informationen allein nicht weiterhelfen. Du arbeitest an deiner eigenen Frage, prüfst deine Möglichkeiten und gehst am Ende mit einem konkreten Plan raus.

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Ausblick auf die nächste Kolumne … Stay tuned auf finanzielle.de!

Die Immobilie ist nur ein Beispiel. Das Muster dahinter begegnet uns bei fast jeder großen finanziellen Frage: alles auf einmal, oder klein anfangen? Genau darum geht es in der nächsten Folge. Eine Frau hat 200.000 Euro, vielleicht aus einem Erbe, einer Abfindung oder dem Verkauf einer Wohnung. Legt sie den Betrag auf einen Schlag breit gestreut in ETFs an? Eine andere beginnt mit 200 Euro im Monat, weil gerade nicht mehr drin ist oder weil sich mehr noch nicht richtig anfühlt. Zwei Wege, zwei Leben, und wieder die Frage: Ab wann ist welcher der richtige?

Hinweis: Das Rechenbeispiel ist vereinfacht und ersetzt keine individuelle Finanz- oder Anlageberatung.

Die Entscheidungs-Expertinnen

Susanne Schlösser (rechts) ist Business- und Karriere-Coach. Sie begleitet Menschen und Unternehmen in Veränderungsprozessen und unterstützt sie dabei, ihre Ziele zu klären und umzusetzen. 2025 veröffentlichte sie gemeinsam mit Tatjana Kiel und weiteren Autorinnen das Buch „Bullshit-Bingo – Was Frauen nicht mehr hören wollen“.

Tatjana Kiel ist CEO von Klitschko Ventures und langjährige Geschäftspartnerin von Wladimir Klitschko. Mit ihm entwickelte sie die Methode FACE the Challenge, die hilft, Herausforderungen strukturiert anzugehen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs engagiert sie sich zudem mit ihrer Initiative #WeAreAllUkrainians für die Menschen in der Ukraine.

Tatjana Kiel (links) und Susanne Schlösser lächeln in die Kamera

Lies auch das Interview mit Susanne und Tatjana:

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© Marcus Witte
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