Guya Merkle sieht lächelnd in die Kamera, hinter ihr ein Bücherregal
Manuel Nieberle

Guya Merkle und die Frage, was Gold wirklich wert ist

Sie ist mit Gold aufgewachsen. Heute hinterfragt Guya Merkle, woher der Rohstoff kommt und welchen Preis andere dafür zahlen. Im Interview spricht die Schmuckunternehmerin und Autorin darüber, was Gold wirklich wert ist.

„Gold ist mehr als ein Rohstoff. Es ist der Spiegel unserer Welt.“

Guya Merkle ist Unternehmerin, Schmuckdesignerin und Goldaktivistin. Bekannt wurde sie mit ihrem Fine-Jewellery-Label VIERI und der Earthbeat Foundation, mit der sie sich seit Jahren für mehr Verantwortung im Umgang mit Gold einsetzt. In ihrem neuen Buch Wie viel Leben kostet ein Karat, das am 1. September 2026 erschienen ist, zeigt sie auf, wie Ressourcen, Macht, Kapital und globale Ungleichheit miteinander verknüpft sind.

Buchcover von Guya Merkle: "Wie viel Leben kostet ein Karat?"

Gold ist in deiner Familie seit Generationen mit Schönheit, Erfolg und Wohlstand verbunden. Welche Erinnerungen aus deiner Kindheit verbindest du damit?

Ehrlich gesagt: nicht viele. Gold war das Geschäft meiner Eltern und für mich ganz selbstverständlich. Ich habe das nie hinterfragt. Noch war mir so richtig bewusst, was Gold ist. Es gehörte dazu, und die daraus entstandenen Produkte waren zwar allgegenwärtig, aber irgendwie auch nie wirklich Thema. Es war einfach selbstverständlich. Der Wert war mir nie bewusst.

Gold steht bei uns für Liebe, Sicherheit und Ewigkeit – am Anfang der Lieferkette aber oft für Armut, giftiges Quecksilber und Lebensgefahr. Wann hast du wirklich begriffen, wie schwer diese beiden Welten miteinander zu vereinbaren sind? Und hat sich dadurch auch dein eigener Blick auf Schmuck verändert?

Das erste Störgefühl habe ich bekommen, als ich das erste Mal auf einer Goldmine in Peru stand. Da war mir klar, hier passt etwas nicht zusammen. Aber so richtig begriffen, wie weit die Werte und Welten auseinander liegen, habe ich es erst, als ich angefangen habe, mich mit Lösungen zu beschäftigen. Diese beiden Welten haben System. Wiir könnten den Wohlstand hier nicht in der Form haben, wenn die andere Seite nicht so aussehen würde, wie sie aussieht. Schmuck hat für mich somit noch viel mehr Bedeutung bekommen, denn ich möchte Schmuckstücke schaffen, die diese Welten verbinden und Wertschöpfung entlang der ganzen Lieferkette schaffen. Nur dann ist es für mich wahrer Luxus.
Guya Merkle stützt den Kopf auf die Hand und sieht zur Seite. Sie steht und trägt ein olivgrünes Seidenkleid.

Auf einer Reise durch Peru hast du spontan eine Goldmine besucht. Du bezeichnest das als einen „Life-changing-Moment“. Kannst du uns mit in diesen Tag nehmen: Was hast du gesehen, gerochen und gehört – und welche konkrete Szene ist dir bis heute nicht aus dem Kopf gegangen?

Die Goldgewinnung war wie ein absurdes Zirkeltraining aufgebaut. Erst stand ich auf einem zusammengebauten Balken und wippte darauf hin und her, erst danach verstand ich, dass damit Golderz zu feinem Sand zermahlen wurde. An der nächsten Station holte ein Mann eine alte Cola-Flasche mit Quecksilber hervor. Er zog sich demonstrativ einen Handschuh über die rechte Hand, und rührte dann mit der nackten, linken im quecksilberhaltigen Wasser.

Das entstandene Gold-Quecksilber-Amalgam legte er auf einen Löffel und hielt es über ein offenes Feuer. Es dampfte und zischte, sein Gesicht direkt darüber. Er atmete die Dämpfe ein und sagte irgendwann lächelnd: „Da ist es. Gold.“ In genau diesem Moment wurde Maria, meine Übersetzerin, neben mir ohnmächtig.

Diese Szene ist mir bis heute präsent geblieben, weil ich zum ersten Mal verstanden habe, wie viele Realitäten Gold hat.

Du bist für deine Arbeit in weitere Abbauregionen gereist und hast später auch den internationalen Goldhandel in Dubai kennengelernt. Welche Begegnung oder Situation hat dir am deutlichsten gezeigt, warum sich die Herkunft von Gold so schwer zurückverfolgen lässt – und wer von dieser Intransparenz profitiert?

Das Verrückte ist ja, dass das alles schwarz auf weiß dokumentiert ist, und trotzdem scheint es nicht zu reichen, hier auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene Konsequenzen zu schaffen.

Gold wird von lokalen Händlern aufgekauft, gebündelt, über Grenzen gebracht, weiterverkauft, eingeschmolzen und mit Gold aus völlig anderen Quellen vermischt. Spätestens in der Raffinerie wird aus vielen unterschiedlichen Geschichten ein homogener Rohstoff. Dem Gold selbst sieht man nicht mehr an, ob es aus einer zertifizierten Mine, aus informellem Kleinbergbau oder aus einem Konfliktgebiet stammt.

Dubai hat auf Grund von fehlenden Menschenrechtskonventionen einfach die Rolle angenommen, Gold aus genau den Gebieten zu kaufen, aus denen kein europäisches Land kaufen will. Am Ende landet es aber eh wieder bei uns. Das weiß auch jeder, der in der Branche arbeitet.
Je mehr Zwischenhändler, Grenzen und Verarbeitungsschritte zwischen Mine und Endprodukt liegen, desto leichter lässt sich Verantwortung weiterreichen. Davon profitieren diejenigen, die Gold möglichst unkompliziert und günstig in den internationalen Markt bringen wollen, Händler, Raffinerien, Unternehmen und letztlich auch wir als Konsument, weil wir einen Rohstoff kaufen können, ohne seine ganze Geschichte kennen zu müssen.

Verantwortung verschwindet nicht. Sie wird nur so lange entlang der Lieferkette verschoben, bis kaum noch jemand das Gefühl hat, sie tragen zu müssen.

Lies auch:

Irgendwann hat dir der Protest allein nicht mehr gereicht und du bist mit deinem eigenen Schmucklabel Teil eines anderen Systems geworden. Welche Kompromisse musstest du dabei eingehen – und wann hattest du zum ersten Mal Zweifel, ob sich verantwortungsvoller Luxus überhaupt verwirklichen lässt?

Ehrlich gesagt: Der größte Kompromiss ist keiner, den ich einmal eingegangen bin und dann abgehakt habe. Er begleitet mich bis heute. Ich stelle Luxus her, in einer Branche, deren historische Grundlage genau die Ausbeutung ist, die ich kritisiere. Das lässt sich nicht wegdesignen, auch nicht mit recyceltem Gold.

Der Zweifel kam nicht an einem einzelnen Punkt, sondern als wiederkehrendes Gefühl: Recyceltes Gold fühlte sich am Anfang wie eine Lösung an. Aber je tiefer ich durch die Arbeit mit Earthbeat in die Lieferketten eingestiegen bin, desto klarer wurde: Ein saubereres Material verändert nicht automatisch das System dahinter. Es beantwortet nicht, wer eigentlich über den Wert von Gold bestimmt, oder was mit den Menschen passiert, die von Minenarbeit leben, wenn Unternehmen wie meins einfach aufhören, neu geschürftes Gold zu kaufen.

Ich glaube nicht mehr an die einfache Erzählung „verantwortungsvoller Luxus“ als gelöstes Problem. Ich glaube eher, dass man diesen Widerspruch, Teil eines Systems zu sein und es gleichzeitig zu kritisieren, aushalten und zum Ausgangspunkt für ehrlichere Fragen machen muss, statt ihn zu früh aufzulösen.

Ein Kapitel deines Buches heißt provokant: „Wie viele Leben kostet denn nun ein Karat?“ Wenn du an all die Menschen und Orte zurückdenkst, die du auf deinem Weg kennengelernt hast: Welche Geschichte steht für dich hinter diesem Satz, und was gibt dir trotzdem die Hoffnung, dass Veränderung möglich ist?

Fakt ist, Goldabbau kostet Leben, wie wir leider gerade jüngst wieder erfahren konnten. Insofern ist es gar nicht mal so provokant. Es gibt wenig konkrete Zahlen dazu, und auch das hat System. Denn Minen werden geschlossen, wenn zu viele Menschen ums Leben kommen, und das wollen die Minenbtreiber verhindern.

Allerdings gab es einen Moment letztes Jahr in einer Mine, die ich zum ersten Mal besucht habe. Dort wurden Menschen 24 Stunden unter Tage gehalten, Minenschächte abgeschlossen. Als ich gerade da war, kam ein junger Mann aus seiner 24-Stunden-Schicht und sein Anblick war für mich kaum auszuhalten. In seinem Blick war alles leer. Stephen, mein Partner, meinte zu mir: Siehst du, selbst wenn sie nicht ihr Leben verlieren, verlieren sie da unten alles.

Ich bin hoffnungslos optimistisch und glaube an das Gute im Menschen. Insofern denke ich, Veränderung ist immer möglich. Wir müssen nur aufhören, uns selbst einzureden, dass alles gut ist und uns mit Realitäten beschäftigen. Wenn wir uns den Status quo eingestehen, dann ist die Veränderung kein großes Thema mehr. Ich meine, wir haben Künstliche Intelligenz und fliegen ins Weltall – da kann mir keiner erzählen, dass wir es nicht hinbekommen, eine Lieferkette fair und transparent zu gestalten.

Viele unserer Leser:innen besitzen Goldschmuck oder möchten Gold als Teil ihrer Geldanlage nutzen. Worauf sollten sie konkret achten, wenn sie investieren wollen, ohne die problematischen Seiten des Rohstoffs völlig auszublenden: eher Barren oder Münzen, Wertpapiere oder recyceltes Gold – und woran erkennt man ein verantwortungsvolles Angebot?

Das Wichtigste ist für mich zunächst: nachfragen. Woher kommt das Gold? Kann der Anbieter die Lieferkette tatsächlich benennen? Je konkreter die Antworten, desto besser. „Nachhaltig“ oder „recycelt“ allein sagt noch erstaunlich wenig aus. Ein aufgeklärter Konsument hat Macht, und Fragen beantworten, verpflichtet.

Gerade bei recyceltem Gold bin ich vorsichtig. Natürlich ist Recycling sinnvoll, aber Gold wird ohnehin seit Jahrhunderten recycelt, weil es seinen Wert nicht verliert. Zudem wird dieser Trend auch oft ausgenutzt und das recycelte Gold war gestern noch in einer Mine.

Für mich ist die entscheidende Frage deshalb weniger neu versus recycelt. Sie lautet vielmehr: Kann ich nachvollziehen, woher dieses Gold kommt, und trägt mein Kauf dazu bei, dass entlang der Lieferkette Verantwortung übernommen wird? Perfektion gibt es auch hier nicht. Aber Transparenz ist ein ziemlich guter Anfang.

Jetzt teilen:

Grafik zur Kolumne "She goes Crypto" von Svenja Zitzer, die i Kreis eingeblendet ist

Stablecoins: Die Krypto-Revolution ohne Kursrakete

Stablecoins rücken ins Visier von Banken, Finanzkonzernen und Unternehmen und könnten unseren Zahlungsverkehr stärker verändern, als ihr nüchterner Name vermuten lässt. Wie sie funktionieren, wo sie uns künftig im Alltag begegnen könnten und welche Risiken du kennen solltest.

Weiterlesen »
Newsletter finanzielle
© Marcus Witte
Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Vielen Dank für deine Anmeldung zu unserem finanzielle Newsletter. Deine Anmeldung war erfolgreich.

Mach dich finanziell unabhängig

– mit unserem Newsletter!

Als DANKESCHÖN für deine NEWSLETTER-ANMELDUNG erhältst du das finanzielle eMagazin mit Verona Pooth und unseren ETF-Entscheidungsbaum – der perfekte Guide auf der Suche nach einem ETF!