Eine Grafik zur neuen Kolumne von Unternehmerin und Schauspielerin Vivien Wulf: In der Mitte sieht man Wulf, darunter ihr Kolumnen-Thema: Erschöpfung ist kein Karrierekonzept
Tatiana Huber/ Aisleglam

Vivien’s Perspective: Erschöpfung ist kein Karrierekonzept 

Unsere neue Kolumnistin, Unternehmerin und Schauspielerin Vivien Wulf, wundert sich: Hat sich in den Köpfen ein falsches Bild von Karriere und Leistung festgesetzt?

In ihrer neuen Kolumne „Vivien’s Perspective“ für finanzielle.de schreibt Vivien Wulf ab sofort regelmäßig über mentale Stärke, Selbstführung und die Prioritäten, die langfristig Gesundheit, Freiheit und finanziellen Erfolg prägen.

„Es ist nicht genug, beschäftigt zu sein. Die Frage ist: Womit sind wir beschäftigt?“ 
Henry David Thoreau 

Ich glaube an Leistung. Nicht als Kompensation, nicht als Selbstzweck, sondern weil ich überzeugt davon bin: Wer wirklich etwas aufbauen will, kommt um Disziplin, Konsequenz und hohen Einsatz nicht herum. Das ist keine nostalgische These. Es ist die ehrlichste Erklärung für fast jeden Erfolg, den ich beobachtet habe.

Gleichzeitig glaube ich: In vielen Karrieren und Köpfen hat sich eine Verwechslung festgesetzt. Die Verwechslung von Präsenz mit Wirkung. Von Ausdauer mit Ergebnis. Von Müdigkeit mit Bedeutung. Erschöpfung wurde salonfähig. Wer sagt, er habe keine Zeit, signalisiert Relevanz. Wer immer erreichbar ist, beweist Einsatz. Wer Urlaub abbricht, zeigt, wie sehr er sich dem Großen verpflichtet fühlt. Das ist eine Kultur, die Bewegung mit Fortschritt verwechselt. Das Schlimme: Sie kostet mehr, als sie bringt.

Die Frage, die ich mir inzwischen regelmäßig stelle, ist nicht: Arbeite ich genug? Sondern: Arbeite ich gerade noch mit Schärfe? 

Es gibt einen Moment in jeder intensiven Arbeitsphase, in dem sich etwas verschiebt. Nach außen ändert sich nichts: Man arbeitet weiter, beantwortet Nachrichten, trifft Entscheidungen. Innerlich aber verliert die Arbeit ihre Präzision. Man priorisiert schneller, aber nicht besser. Man reagiert, statt präsent zu sein. Ich habe lange gebraucht, um diesen Moment zuverlässig zu erkennen. Noch länger, um ihn ernst zu nehmen. Das verändert sich mit dem Alter. Mit Anfang zwanzig verzeiht der Körper vieles. Mit Mitte dreißig oder vierzig steigen die Folgekosten. Regeneration dauert länger, Entscheidungen werden komplexer, Fehler teurer. Genau dann, wenn Qualität zählt, nimmt sie unter Dauerbelastung als Erstes ab.

Der Psychologe Anders Ericsson, der über Jahrzehnte Spitzenleistung erforscht hat, zeigte immer wieder: Nicht die Gesamtarbeitszeit unterscheidet die Besten von den Guten. Es war die Qualität der Konzentration. Vier bis fünf Stunden tiefster Fokus pro Tag, konsequent gefolgt von echter Erholung. Mehr war selten besser.

Erholung ist in diesem Verständnis kein Gegenmodell zu Leistung. Sie ist ein Bestandteil davon. Nicht weil das angenehmer klingt, sondern weil es präziser ist. Spitzensportler trainieren auch nicht durch. Die Frage, die ein guter Trainer stellt, ist nicht: Wie viel kann dieser Athlet ertragen? Sondern: Was braucht dieser Athlet, um morgen noch besser zu sein?

Studien der Stanford University fassen das in Zahlen: Ab etwa 50 Stunden pro Woche sinkt Produktivität messbar, jenseits von 55 ist sie kaum noch zu steigern. Wer 70 Stunden arbeitet, macht im Schnitt nicht mehr, sondern mehr Fehler. In anspruchsvollen Umfeldern ist das kein Fleiß, sondern ein Risiko.

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Was ich damit sagen will, ist nicht: Arbeitet weniger. Es ist: Arbeitet bewusster. Ambition ist keine Frage der Stundenzahl. Sie ist eine Frage der Richtung, der Struktur und des langen Atems.

Wer mit dreißig alles auf einmal will und sich dabei systematisch aufbraucht, hat mit fünfzig vielleicht das Gefühl, zu spät angekommen zu sein.
Ich strukturiere meine Arbeit heute anders als früher. Nicht weniger ehrgeizig, aber bewusster. Ich kenne die Phasen, in denen ich wirklich auf Höhe bin, und ich kenne die Signale, die mir sagen, dass ich es gerade nicht bin. Die Signale sind erstaunlich klar, wenn man sie ernst nimmt: nachlassende Präzision im Denken, kürzere Geduld in Gesprächen, das Gefühl, zu reagieren statt zu führen. Wer diese Signale ignoriert, arbeitet noch, liefert aber längst nicht mehr. Vielleicht ist das die reifere Form von Ambition: nicht sich selbst zu überbieten, bis nichts mehr geht, sondern so zu arbeiten, dass man in zehn Jahren noch auf der Höhe seines Könnens ist. Nicht, weil man sich geschont hat, sondern weil man sich geführt hat.

Erschöpfung ist kein Karrierekonzept. Blinder Einsatz auch nicht. Entscheidend ist, wann man alles gibt und wann man es lässt.

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© Marcus Witte
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