Die Wechseljahre betreffen Millionen Frauen und sind medizinisch dennoch erstaunlich unterbelichtet. Die Ärzt:innen Dr. Valerie Kirchberger (Foto: links), Dr. Cornelius Remschmidt und Tech-Unternehmerin Eva-Maria Meijnen wollen das ändern. Mit Evela Health entwickeln sie eine datenbasierte Gesundheitsplattform, die Frauen durch die hormonelle Lebensphase begleitet. Im Interview sprechen wir mit Valerie Kirchberger über Wissenslücken in der Medizin, neue digitale Ansätze und darüber, wie Frauen diese Lebensphase selbstbestimmt gestalten können.
Valerie, seit wann gibt es Evela Health und warum hast du es gegründet?
Auch wenn die Frage an mich gerichtet ist, spreche ich hier für unser gesamtes Gründerteam – Eva, Cornelius und mich. Wir haben Evela im Jahr 2024 ins Leben gerufen! Die Idee entstand aus einer klaren strukturellen Lücke im System: Ein 6-Minuten-Gespräch pro Quartal in der gynäkologischen Praxis reicht schlicht nicht aus, um Schlaf, Ernährung, Hormontherapie, Bewegung, mentale Gesundheit und Langzeitprävention gleichzeitig zu adressieren. Mit Evela wollten wir genau das System schaffen, das wir uns selbst gewünscht haben: Eine Anlaufstelle, die hochkarätige medizinische Expertise mit moderner Technologie verbindet, um Frauen strategisch den Weg in einen gesunden, kraftvollen „zweiten Akt“ zu zeigen.
Was passiert in einer individuellen Beratung bei Evela Health?
Das ist echtes Precision-Healthcare! Wir wissen heute: Ein einzelner Bluttest oder ein kurzes Gespräch mit Ärztin oder Arzt ist oft nur eine Momentaufnahme einer hormonellen Achterbahnfahrt. Deshalb arbeiten wir mit einem ganzheitlichen Ansatz, der auf zehn Lebensdimensionen basiert. Zunächst füllt die Benutzerin einen smarten Fragebogen aus, der – basierend auf der wissenschaftlichen Menopause Rating Scale – eine glasklare Grundlage schafft. Dieser enthält sowohl Antworten der Frau als auch Wearable Daten – wenn von ihr gewünscht und freigegebn. Im Gespräch analysieren wir dann das Gesamtbild: Beschwerden, Lebensstil, Ernährung und Stresslevel. Daraus entwickeln wir gemeinsam einen maßgeschneiderten Fahrplan, eine Checkliste für weitere ärztliche Gespräche und ggf. auch Verschreibungen über unsere Partnerpraxen.
Das Thema Perimenopause und Wechseljahre boomt. Warum eigentlich gerade jetzt?
Weil wir die erste Generation von Frauen sind, die laut ist, die Karriere macht und sich nicht mehr mit einem „Da müsst ihr halt durch“ abspeisen lässt! Wir erkennen endlich den ökonomischen und gesellschaftlichen Wert dieser Lebensphase. Es geht heute um „Female Longevity“: Wir wollen nicht nur unsere Lebensspanne verlängern, sondern unsere „Healthspan“ – die gesunden Jahre! Frauen wollen heute mit 80 Jahren noch mit ihren Enkeln tanzen, und auch über 40 kraftvoll, gesund, investitionsfreudig und sichtbar bleiben. Dafür brauchen sie genau jetzt die richtige gesundheitliche Basis.
Die Wechseljahre sind ein echtes Chamäleon.
Valerie Kirchberger Tweet
Viele Beschwerden werden lange nicht mit der Hormonumstellung in Verbindung gebracht, andere vielleicht vorschnell den Wechseljahren zugeschrieben. Warum ist die Einordnung so schwierig?
Die Wechseljahre sind ein echtes Chamäleon. Wir vergleichen es gerne mit einer Dimmer-Schaltung: Das Licht geht nicht sanft aus, es flackert unberechenbar. Viele denken bei Wechseljahren nur an Östrogenmangel, dabei leiden viele Frauen am Anfang paradoxerweise unter einer Östrogendominanz und dem frühen Abfall unseres natürlichen „Chill-Hormons“ Progesteron. Das führt zu Symptomen, die kaum jemand auf dem Schirm hat: Herzstolpern, „Brain Fog“, plötzliche unbegründete Ängste und später dann die “Klassiker” wie Hitzewallungen, Gewichtsveränderungen, Gelenkschmerzen. Die Frauen funktionieren im Alltag weiter, zweifeln aber innerlich an sich selbst. Wir sagen ihnen: Ihr bildet euch das nicht ein, das ist pure Biologie! Und diese Biologie ist wahnsinnig beeindruckend, Östrogen ist kein Sexualhormon, sondern ein Systemhormon. Es hat in fast allen Organen auf Zellebene Rezeptoren, was die vielen verschiedenen Symptome in der Perimenopause erklärt und dann auch die negativen Langzeitfolgen auf das gesunde Älterwerden bei Wegfall des Östrogens.
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Du bist Ärztin. Wie hast du das Thema Wechseljahre im beruflichen Alltag wahrgenommen? Haben Mediziner:innen die Symptome auf dem Schirm, wenn sie Diagnosen stellen?
Als Ärztin kann ich sagen: Da ist noch massiv Luft nach oben! Im Medizinstudium werden die Wechseljahre oft nur am Rande behandelt. Es ist ein strukturelles Problem. Wir sehen so viele Frauen, die mit Schulterschmerzen beim Orthopäden oder mit Schlafstörungen in der Psychiatrie landen – ohne Befund. Die hormonellen Ursachen hinter Erschöpfung oder Gelenkschmerzen werden schlicht übersehen. Mit unserer gebündelten Erfahrung und der Expertise unserer Partnerärztinnen und Ärzte und unserer In house Wechseljahresberaterinnen bei Evela schließen wir exakt diese Wissenslücke und übersetzen echte Evidenz in den vollen Alltag von Frauen.
Ihr betont, dass es keinen One Size Fit All-Ansatz gibt. Dennoch sind ein paar Gewohnheiten wichtig für alle. Was sind die drei wichtigsten in den Wechseljahren?
- „Sleep First“: Schlaf ist kein Luxus, sondern das Fundament. Ohne Schlaf greifen weder die beste Ernährung noch das beste Training.
- „Strong not Skinny“: Krafttraining ist unsere beste Rentenversicherung! Muskeln schützen unsere Knochen und unseren Stoffwechsel. Es geht nicht mehr darum, in die Jeans von vor 20 Jahren zu passen, sondern um Kraft und körperliche Reserven für das Alter.
- Protein & Pflanzen: Wir brauchen Protein als Baustoff für die Muskeln und idealerweise 30 verschiedene Pflanzen pro Woche. Ballaststoffe sind das Beste für unsere Gesundheit und füttern unser Mikrobiom.
Und als Bonus: die Entscheidung für oder gegen Hormontherapie evidenzbasiert und informiert treffen und nicht angstgetrieben.
Thema Schlaflosigkeit: Verrate uns mal deine Top 5 der wirksamsten Strategien.
Wenn Östrogen und Progesteron schwanken, geht der Schlaf oft als Erstes verloren. Wir setzen hier auf eine klare Priorisierung: Erst die Biologie stabilisieren, dann die Gewohnheiten optimieren.
- Gezielte Hormonbalance: Bioidentisches Progesteron am Abend wirkt an denselben Rezeptoren wie Beruhigungsmittel und ist oft ein toller Helfer für das Einschlafen. Die wahre Queen des Durchschlafens ist aber das Östrogen, das wissen viele nicht!
- Feste Bett- und Aufstehzeiten: Der wichtigste Einzelfaktor für einen stabilen Rhythmus – auch am Wochenende. Unser Körper und unsere Hormone lieben Vorhersehbarkeit.
- Der Temperatur-Trick: Eine warme Dusche am Abend zieht die Wärme in Hände und Füße, wodurch die Körperkerntemperatur sinkt – genau das braucht das Gehirn zum Einschlafen. Oder warme Socken („warm up to cool down to fall asleep“). Works, believe me!
- Die 20-Minuten-Regel: Wer nachts wach liegt und grübelt, muss raus aus dem Bett! Das Bett darf nicht mit Frustration verknüpft werden.
- Magnesium-Bisglycinat: Die richtige Form ist entscheidend! Es passiert die Blut-Hirn-Schranke und entspannt das Nervensystem massiv.
Für Frauen, die keine Hormonen nehmen können, gibt es andere Ansätze.
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Auch Energielosigkeit ist ein großes Thema für Frauen. Wie kann man diesem Symptom begegnen?
Viele Frauen sind in puncto Hormontherapie skeptisch. Bioidentische Hormone oder synthetische? Tabletten, Pflaster, Cremes – auch der Startzeitpunkt für eine Hormontherapie spielt eine wichtige Rolle. Wie findet man da die richtige Therapie für sich?
Wir setzen in Deutschland schon lange auf die moderne Menopausale Hormontherapie (MHT) mit bioidentischen Hormonen. Der Goldstandard ist heute Östrogen über die Haut (als Gel oder Pflaster), da dies das Thromboserisiko nicht erhöht, kombiniert mit natürlichem Progesteron. Der Startzeitpunkt – das sogenannte „Window of Opportunity“ – ist entscheidend und liegt oft schon in der Perimenopause. Es geht immer mehr nicht nur um die Linderung von Hitzewallungen, sondern um aktiven Schutz für Herz, Gehirn und Knochen. Welche Kombination die richtige ist – ob Spirale, Gel oder Creme – muss extrem individuell entschieden werden.
Ihr bietet auch Support für Unternehmen am Arbeitsplatz an. Was sind die Herausforderungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer:innen? Und wie groß ist die Nachfrage seitens der Firmen?
Frauen sind etwa 10 bis 20 Jahre in dieser Phase der hormonellen Umstellung. Das klingt lang. Wie gelingt es, diese Zeit als positiv wahrzunehmen?
Indem wir das Narrativ komplett ändern! Es ist ein biologisches Zeitfenster und eine einmalige Gelegenheit. Es ist nicht der Anfang vom Ende, es ist der Start in den „zweiten Akt“. Wir sind frei von vielen Zwängen der frühen Jahre, haben Lebenserfahrung, Kapital und berufliche Expertise. Wenn wir genau jetzt die körperlichen Weichen richtig stellen, ist das die kraftvollste, unabhängigste und produktivste Phase unseres Lebens.
Was sind deine persönlichen Erfahrungen in der Perimenopause und in den Wechseljahren?
Ich habe diese Phase selbst intensiv erlebt. Bei mir begann es Anfang 40 vor allem mit Schlaflosigkeit, und etwas, was ich für Panikattacken hielt, während der Arbeit, nachts. Ich habe für mich einen guten Weg gefunden und bin glücklich darüber, dass ich mit Hilfe eines digitalen Angebots vielen Frauen helfen kann, auch denen, die sich z.B. eine private Hormonsprechstunde nicht leisten können. Dahin driftet der Markt nämlich gerade.
Community for Female Founders
Evela Health wurde vom Netzwerk Businettes ausgezeichnet. Die Plattform fördert Gründerinnen und weibliche Führungskräfte und vernetzt Unternehmerinnen aus verschiedenen Branchen. Für das Team von Evela ist der Preis vor allem ein Signal dafür, wie stark das Thema Frauengesundheit inzwischen in der Wirtschaft angekommen ist. Gleichzeitig schafft die Auszeichnung Sichtbarkeit für ein Thema, das lange medizinisch unterschätzt wurde.









