Ariane Hingst im Interview: Frauenfußball, Female Empowerment und Equal Pay
Laurence Chaperon

Ariane Hingst: „Frauenfußball braucht mehr Mut“

Ariane Hingst zählt zu den prägenden Stimmen des deutschen Frauenfußballs. Mit uns spricht sie über Geld, Fairness und große Ziele.

Die gebürtige Berlinerin absolvierte über 170 Länderspiele, wurde zweimal Weltmeisterin und viermal Europameisterin. Nach ihrer aktiven Karriere engagiert sie sich für Female Empowerment, Geschlechtergerechtigkeit und bessere Rahmenbedingungen im Profifußball. Als TV-Expertin und Botschafterin arbeitet die 45-Jährige daran, den Frauenfußball bekannter zu machen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen und Spielerinnen schon früh auf eine finanzielle und berufliche Absicherung nach der aktiven Karriere vorzubereiten. Unsere Fragen hat Ariane Hingst in Los Angeles beantwortet, wo sie gerade als als TV-Analystin für Fox Sports über die Fußball-EM der Frauen berichtet.

Ariane, wenn du zurückblickst – wie sehr hat sich der Frauenfußball aus deiner Sicht in den letzten zehn Jahren verändert, vor allem finanziell und organisatorisch?

Der Frauenfußball ist in allen Bereichen deutlich professioneller geworden. Viele Bundesliga-Vereine bieten mittlerweile Top-Bedingungen, sei es bei der medizinischen Versorgung der Spielerinnen, der Athletik oder den Trainingsplätzen. Gleichzeitig gibt es aber noch große Unterschiede bei der Bezahlung. Wir brauchen flächendeckend Profitum in der ersten Bundesliga und mindestens Halbprofitum in der zweiten Liga. Damit meine ich vor allem finanzielle Absicherung, sodass der volle Fokus auf den Fußball möglich ist und eine Nebentätigkeit – sei es ein Studiengang oder ein Nebenjob – nicht aus finanzieller Notwendigkeit heraus gemacht werden muss, sondern eher als Ausgleich zum Sport und als Vorbereitung auf die Zeit nach der aktiven Karriere.

Eine Studie von FUSSBALL KANN MEHR hat ergeben, dass von 32 befragten Clubs der Bundesliga und zweiten Bundesliga nur vier Vereine eine Frau im Top-Management haben. Wie kann das deiner Meinung nach sein?

Da müsste man tatsächlich die Verantwortlichen der Vereine befragen. Es ist aus meiner Sicht zu einfach, zu behaupten, man finde keine geeigneten Kandidatinnen. Ich glaube leider, dass es an vielen Stellen schlichtweg nicht gewollt ist. Oft fehlt der Wille, Frauen gezielt zu fördern, sie zu unterstützen und sie auf ihrem Weg bis in Führungspositionen zu begleiten – so, wie es teilweise mit Ex-Profis gemacht wird, die Schritt für Schritt an höhere Aufgaben und Funktionen herangeführt und aufgebaut werden.

Lies auch:

Du kämpfst schon lange für Female Empowerment, Geschlechtergleichheit und Diversität im Fußball. Welche Wirkung versprichst du dir von einer EM auf unsere Gesellschaft?

Die Zuschauerzahlen des ersten Spiels und auch die Rekord-Einschaltquote beim EM-Finale 2022 zeigen, dass die Menschen in Deutschland richtig Lust auf Fußball haben – auch auf Frauenfußball. Was wir brauchen, ist vor allem Sichtbarkeit. Der Frauenfußball bekommt eine immer größere Bühne, um Themen wie Diversität, für die der Frauenfußball schon lange bekannt ist, noch stärker in der Gesellschaft zu verankern. Mein Wunsch ist, dass das irgendwann selbstverständlich wird und wir es gar nicht mehr extra thematisieren müssen. Bis dahin ist es aber leider noch ein weiter Weg.

Stichwort „Equal Pay“: Was sind für dich konkrete Schritte, um fairere Bezahlung im Frauenfußball wirklich Realität werden zu lassen? Wie lange dauert die finanzielle Gleichberechtigung deiner Einschätzung nach noch?

Mir ist wichtig zu betonen, dass es nicht um Equal Pay im Sinne von identischen Gehältern geht, sondern um Fair Pay und Equal Play. Einnahmequellen sind aus meiner Sicht vor allem TV-Gelder, Sponsoren, aber auch Investor:innen. Wir müssen im Frauenfußball neue Wege gehen, über den Tellerrand hinausschauen, Dinge neu denken und mutig angehen. Millionengehälter für Spielerinnen sind für mich nicht die Lösung und auch nicht das Ziel. Wichtiger ist, dass es eine finanzielle Absicherung gibt und vor allem professionelle Bedingungen, wie sie im Männerbereich teilweise schon ab der Jugend selbstverständlich sind. Wie lange es noch dauern wird? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Das ist ja leider nicht nur ein Problem im Fußball, sondern ein gesamtgesellschaftliches Thema, dass Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen weiterhin schlechter bezahlt werden.

Heute sind Spielerinnen oft Markenbotschafterinnen, Influencerinnen, Unternehmerinnen. Wie wichtig ist es, schon früh die eigene Karriere auch wirtschaftlich zu planen?

Das ist enorm wichtig. Ich hätte mir selbst gewünscht, damals mehr Unterstützung zu haben. Es stellen sich viele Fragen: Wie geht es nach der sportlichen Karriere weiter? Welche Möglichkeiten habe ich? Möchte ich überhaupt im Fußball bleiben? Das sind Themen, die früh geklärt werden sollten, und dafür braucht es Begleitung. Es gibt inzwischen immer mehr Mentoring-Programme, die meiner Meinung nach eine sehr gute Möglichkeit sind, Orientierung und Hilfestellung zu bekommen.

Hast du einen Tipp für junge Spielerinnen, wie sie finanziell unabhängig bleiben und nach der aktiven Laufbahn gut aufgestellt sein können?

Einen wirklichen Tipp habe ich nicht, denn ich habe selbst während meiner aktiven Zeit nie so viel verdient, dass ich finanziell wirklich auf sehr sicheren Beinen gestanden hätte. Generell finde ich es aber für jede Frau wichtig, sich mit den eigenen Finanzen auseinanderzusetzen und eine Anlagestrategie zu haben. Gerade die Nationalspielerinnen sind mittlerweile finanziell gut aufgestellt und sollten sich bewusst darum kümmern, wie sie ihr Geld anlegen. Und das am besten nicht über selbsternannte Experten, sondern eigenverantwortlich, mit einem guten Überblick und dem nötigen Wissen.

Welche finanzielle Vorsorge triffst du selbst?

Ich komme noch aus der alten Schule, in der meine Eltern Lebensversicherungen als sinnvolle Anlage gesehen haben, deshalb habe ich heute noch eine Lebensversicherung laufen. Ansonsten versuche ich, mich breit aufzustellen: Ich habe eine kleine Immobilie, ein selbstverwaltetes Online-Depot und ein paar kleinere Anlagen, die fremdverwaltet werden.

Wenn du heute zurückblickst: Welche Eigenschaft hat dich im Sport und im Berufsleben am meisten weitergebracht?

Es gibt nicht nur die eine Eigenschaft – es ist eher das Zusammenspiel vieler: Durchhaltevermögen, Widerstandsfähigkeit, Ehrgeiz, erfolgsorientiertes Handeln und dabei nie den Spaß verlieren.

Welche Mannschaften siehst du bei der EM im Finale? Dein Tipp fürs Endspiel?

Ich hoffe auf ein Finale zwischen Spanien und Deutschland und drücke unseren Mädels alle Daumen!

Jetzt teilen:

Was sind Stablecoins? Wir erklären die Kryptowährung

Was sind Stablecoins?

Sie gelten als Verbindung zwischen Kryptowährungen und dem traditionellen Finanzsystem: Stablecoins bieten im Vergleich zu traditionellen Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum einige Vorteile. Aber sind sie wirklich sicher?

Weiterlesen »
Newsletter finanzielle
© Marcus Witte

Mach dich finanziell unabhängig

 – mit unserem Newsletter! 

Als DANKESCHÖN für deine 

NEWSLETTER-ANMELDUNG erhältst du 

das finanzielle eMagazin mit Lena Gercke und unserem beliebten ETF-Entscheidungsbaum!