Mit 22 wurde Emma-Isadora Hagen Führungskraft, später Teil des Top-Managements von Peek & Cloppenburg. Heute zählt sie zu den bekanntesten Personal Brands im DACH-Raum, erreicht mit ihren LinkedIn-Beiträgen Millionen und teilt ihr Wissen als Unternehmerin und Mentorin.
Als Leadership-Expertin, Content-Creatorin und Speakerin gibst du vielen Menschen Impulse für ihre persönliche und berufliche Entwicklung – und nun auch mit deinem Buch „Jetzt bist du schlauer als dein Chef“. Was hat dich persönlich dazu gebracht, dich so intensiv mit Arbeitskultur, Fokus und Resilienz zu beschäftigen?
Ich habe ziemlich früh gemerkt, dass ich mit meinem modernen Blick auf Arbeit in klassischen Strukturen auffalle. Aber statt das als Hindernis zu sehen, habe ich schnell verstanden: Genau das ist meine Stärke. In meiner Rolle als Führungskraft habe ich dann gesehen, wie sich Haltung überträgt. Wie Teams anfangen, Dinge anders zu denken und anders zu machen. Mein Buch ist die Konsequenz daraus: Ich wollte das Wissen, wie man Systeme hackt und sich selbst schützt, endlich demokratisieren. Heute treibt mich der Wille an, Menschen zu zeigen, dass sie keine Erlaubnis von oben brauchen, um es anders zu machen als ihr Chef.
Du hast deine Karriere bei P&C beendet, um gemeinsam mit deinen Geschwistern deine krebskranke Mutter zu pflegen. Nach ihrem Tod im letzten Jahr hast du dich selbstständig gemacht. Warum bist du nicht zurück in eine Festanstellung im Konzern?
Ich liebe diese Frage, weil ich sie mir erst vor Kurzem selbst beantworten musste. Eine meiner absoluten Traumstellen im Top-Management meiner Branche wurde frei. Als der Anruf vom Headhunter kam, war ich erstmal ehrlich überrascht – vor allem, weil ich bis zu diesem Moment keine einzige Sekunde mehr darüber nachgedacht hatte. Ich habe mir zwei Tage Zeit genommen, habe dann abgesagt und mir irgendwie so auch bestätigt: Ich bleibe genau da, wo ich bin. Und warum? Weil es mir Spaß macht. Weil es mir leichtfällt. Und weil ich hier noch so viel Potenzial sehe und wirklich etwas bewirken kann. Und ein netter Sidefact: Meine Lernkurve ist gerade so steil wie noch nie.
Beschreibe mal die ideale Chefin oder den idealen Chef.
Die idealen Vorgesetzten sind die, die wirklich zu ihrem Team passen. Und das kann ganz unterschiedlich aussehen. Es gibt Teams, die brauchen vor allem Fachkompetenz, andere wiederum profitieren stärker von ausgeprägten sozialen Fähigkeiten. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen sich die Zeit und auch die Mittel nehmen, wirklich das beste Match zu finden und nicht nur auf Abschlüsse oder Lebensläufe zu schauen. Gleichzeitig gehört auch dazu, ehrlich hinzusehen, wenn es zwischen Team und Führungskraft nicht passt. Das ist nichts Dramatisches, sondern passiert viel häufiger, als wir denken. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Und auch ein klarer Appell an Führungskräfte: Habt den Mut, selbst die Konsequenz zu ziehen, wenn ihr merkt, dass es nicht harmoniert – aus welchen Gründen auch immer.
Wie empfindest du die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt? Die Schwierigkeiten der Wirtschaft, die Angst vor KI: Kann man sich unter diesem Druck überhaupt richtig entfalten?
Wirtschaftliche Schwäche und KI treffen gleichzeitig aufeinander und verstärken den Druck. Ich glaube aber: Die Angst vor KI entsteht vor allem dort, wo Verständnis fehlt. Entfaltung ist trotzdem möglich, sie passiert heute nur nicht mehr in Stabilität, sondern in Bewegung. Wer versteht, wie moderne Arbeit funktioniert, gewinnt genau in dieser Unsicherheit wieder Kontrolle zurück.
Überall begegnet einem ein „Zu viel“. Menschen sind im Job überlastet, die Menge der Aufgaben ist für viele kaum zu bewältigen. Wie kann man der wachsenden Komplexität und der Überreizung begegnen?
Wir leben in einer Arbeitswelt, die permanent auf „mehr“ ausgelegt ist, mehr Tasks, mehr Tools, mehr Tempo. Das Problem ist aber nicht nur die Menge, sondern dass uns oft die Priorisierung fehlt. Viele versuchen, alles zu schaffen, statt bewusst zu entscheiden, was wirklich relevant ist. Der erste Schritt raus aus der Überforderung ist deshalb Klarheit: Was zahlt wirklich auf mein Ziel ein und was nicht?
In deinem Buch gibst du 100 Impulse für alle, die nicht funktionieren, sondern gestalten wollen. Welcher Impuls ist dein persönlich wichtigster?
Mein wichtigster Impuls ist die Erkenntnis, dass wir mehr Einfluss auf unsere Arbeit haben, als wir oft denken. Und hängt auch oft damit zusammen, wie wir persönlich auf Arbeit, Veränderung und Zukunft schauen. Viele stecken den Kopf in den Sand oder verlassen sich auf Unternehmen und Politik. Damit geben sie aber genau die Kontrolle ab. Deshalb ist es entscheidend, es selbst in die Hand zu nehmen, sich zu informieren, sich gut aufzustellen und die eigene Einstellung bewusst weiterzuentwickeln.
Auf Linkedin kündigen andere deine Tipps als „unkonventionelle Augenöffner“ an. Kannst du eine dieser ungewöhnlichen Perspektiven mit uns teilen?
Ich würde sagen: Die „unkonventionellen Augenöffner“ sind oft die Dinge, die wir eigentlich längst spüren, aber nie so klar aussprechen. Unkonventionell ist daran vielleicht auch, dass ich den Fokus zurück zum Individuum ziehe, weg von „die da oben müssen das lösen“ hinzu „du kannst Teil der Lösung sein“. Und genau das ist für viele der Moment, der hängen bleibt, weil er unbequem ist, aber gleichzeitig unglaublich viel Macht zurückgibt.
Was würdest du jungen Menschen raten, die sich einen Beruf suchen?
Schau dir an, was deine Stärken sind, was du gut kannst und was dir vielleicht sogar leicht fällt und mach genau das zum Hauptbestandteil deines Berufs. Im Idealfall sollten mindestens 60 % deiner Arbeit daraus bestehen.
Wie arbeiten wir in zehn Jahren?
Wir stehen vor einem Umbruch, dessen wahre Dimension unsere heutige Vorstellungskraft schlicht sprengt: Die KI wird die Statik unserer Gesellschaft und damit unseren gesamten Arbeitsalltag so verschieben, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Wer gewinnt, ist dann nicht mehr der Schnellste, sondern derjenige, der die mentale Souveränität besitzt, sich nicht im digitalen Lärm zu verlieren. Ehrlich gesagt ist das die beste Nachricht für uns alle: Wir gewinnen endlich die Freiheit zurück, uns wieder voll auf das zu konzentrieren, was uns im Kern ausmacht, unsere Intuition, unsere Begeisterung und das echte Miteinander.









