Kann das Depot deine Rentenlücke schließen?
Wie lange bleibt ein an der Börse investierter Kapitalstock bestehen, wenn man jährlich einen festen Prozentsatz entnimmt? Hinter dieser kompliziert klingenden Frage steckt eines der wichtigsten Themen der privaten Altersvorsorge: Kann das eigene Depot später die Rentenlücke schließen?
Viele investieren heute in ETFs oder Aktien, um im Ruhestand zusätzliches Einkommen zu haben. Die entscheidende Frage kommt allerdings oft erst Jahre später: Wie viel Geld darf man aus dem Depot entnehmen, ohne dass das Vermögen zu schnell aufgebraucht wird?
Genau hier kommt die sogenannte 4-Prozent-Regel ins Spiel. Wer so viel – oder wenig – entnimmt, dass die Basis des Vermögens gar nicht angetastet wird, sondern nur die über die Jahre erwirtschafteten Gewinne, ist definitiv auf der sicheren Seite!
Die 4-Prozent-Regel:
Dieses Kapital wird idealerweise breit diversifiziert investiert, etwa in Aktien oder ETFs, sodass es langfristig Renditen erwirtschaftet. Davon lassen sich jedes Jahr 4 Prozent – also 40.000 Euro – entnehmen, während der Rest investiert bleibt und durch Kurssteigerungen, Dividenden oder Zinsen weiterwächst. Allerdings können niedrige Zinssätze und volatile Märkte diese Regel unter Druck setzen. Daher empfehlen einige Expert:innen eine vorsichtigere Entnahmerate von 3 bis 3,5 Prozent.
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Wie viel Vermögen braucht man tatsächlich für die Rente?
Die entscheidende Frage lautet also nicht nur, wie hoch die spätere gesetzliche Rente ausfällt, sondern auch: Wie viel zusätzliches Einkommen wird im Ruhestand überhaupt benötigt?
Finanzexpert:innen orientieren sich an der Faustregel, dass Rentner:innen ungefähr 70 bis 80 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens brauchen, um den bisherigen Lebensstandard zu halten. Zwar entfallen manche Kosten später, etwa für den Arbeitsweg oder die Altersvorsorge selbst. Gleichzeitig steigen jedoch häufig andere Ausgaben, beispielsweise für Gesundheit, Pflege, Energie oder Freizeit.
Wer etwa zusätzlich zur gesetzlichen Rente 2.000 Euro monatlich aus dem eigenen Depot entnehmen möchte, benötigt nach der 4-Prozent-Regel ungefähr 600.000 Euro Vermögen. Bei einer vorsichtigeren Entnahmerate von 3 Prozent wären dafür bereits rund 800.000 Euro nötig.
Die Rechnung zeigt vor allem eins: Vermögensaufbau ist ein langfristiger Prozess. Genau deshalb gelten ETFs und breit gestreute Aktienanlagen für viele als sinnvoller Baustein der privaten Altersvorsorge.
Warum Inflation die 4-Prozent-Regel verändert
Ein Punkt wird bei der Ruhestandsplanung häufig unterschätzt: Inflation.
Selbst wenn das Depot rechnerisch groß genug erscheint, verliert Geld über Jahrzehnte spürbar an Kaufkraft. Wer heute mit 2.500 Euro monatlich gut leben kann, benötigt in 20 oder 30 Jahren deutlich mehr Geld, um denselben Lebensstandard zu halten.
Die ursprüngliche 4-Prozent-Regel berücksichtigt zwar steigende Lebenshaltungskosten, trotzdem rechnen viele Menschen ihre Altersvorsorge noch immer in heutigen Eurobeträgen. Genau das kann problematisch werden.
Deshalb reicht es nicht, nur die gewünschte Rentensumme festzulegen. Entscheidend ist auch, wie viel Kaufkraft später tatsächlich übrig bleibt und ob das Depot langfristig genug Rendite erwirtschaftet, um Inflation auszugleichen.
Tipp: Nutze den ETF-Sparplanrechner von Finanztip, denn hier wird beim Ergebnis die jährliche Inflation von (aktuell) 2,0 % berechnet und die inflationsbereinigte Kaufkraft angegeben.
Warum Börsencrashs im Ruhestand problematisch werden können
Während der Ansparphase profitieren Anleger:innen langfristig oft sogar von fallenden Kursen, weil ETFs günstiger nachgekauft werden können. Im Ruhestand verändert sich diese Situation allerdings grundlegend.
Wer bereits regelmäßig Geld aus dem Depot entnimmt und gleichzeitig in einen starken Börsenabschwung gerät, belastet das Vermögen deutlich stärker. Finanzexpert:innen sprechen hier vom sogenannten Sequenzrisiko.
Besonders problematisch werden schwere Börsenjahre direkt zu Beginn des Ruhestands. Fallen die Kurse stark und müssen gleichzeitig hohe Beträge entnommen werden, schrumpft das Depot oft schneller als geplant.
Genau deshalb setzen viele Anleger:innen im Ruhestand nicht ausschließlich auf Aktien oder ETFs, sondern ergänzen ihr Portfolio um stabilere Bausteine wie Tagesgeld, Anleihen oder andere Liquiditätsreserven.
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Steuern und Abgaben nicht vergessen
Viele Berechnungen zur 4-Prozent-Regel arbeiten mit Bruttobeträgen. In der Realität spielen jedoch auch Steuern und Krankenversicherung eine Rolle.
Bei gesetzlich versicherten Rentner:innen hängt die Höhe der Beiträge unter anderem davon ab, aus welchen Quellen das Einkommen stammt. Bei gesetzlich pflichtversicherten Rentner:innen werden Beiträge vor allem auf die gesetzliche Rente erhoben. Kapitalerträge aus ETFs oder Aktien bleiben in den meisten Fällen beitragsfrei. Anders sieht es bei freiwillig gesetzlich Versicherten aus: Hier können zusätzliche Einnahmen aus Kapitalanlagen, Mieten oder privater Altersvorsorge bei der Berechnung der Krankenversicherungsbeiträge berücksichtigt werden.
Auf die gesetzliche Rente fallen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung an. Zusätzliche Einnahmen aus privater Altersvorsorge oder Kapitalerträgen können die finanzielle Belastung ebenfalls erhöhen, je nach Versicherungsstatus und individueller Situation.
Der allgemeine Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung liegt aktuell bei 14,6 Prozent, hinzu kommt ein kassenabhängiger Zusatzbeitrag sowie die Pflegeversicherung. Insgesamt summieren sich die Abgaben häufig auf rund 17 bis 20 Prozent.
Wer privat krankenversichert ist, zahlt die Beiträge unabhängig von Kapitalerträgen direkt an die Versicherung. Auch hier steigen die Kosten im Alter oft deutlich.
Wer Gewinne aus ETFs oder Aktien realisiert, muss in Deutschland Kapitalertragsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer einkalkulieren.
Das bedeutet: Nicht die komplette Rendite landet später automatisch auf dem eigenen Konto. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie groß das Depot bis zur Rente wächst, sondern auch, wie effizient die Entnahmen später geplant werden.
Ist die 4-Prozent-Regel heute überhaupt noch realistisch?
Die 4-Prozent-Regel bleibt eine wichtige Orientierung für die private Altersvorsorge. Allerdings wurde sie in einer Zeit deutlich höherer Zinsen und anderer Marktbedingungen entwickelt.
Finanzexpert:innen empfehlen deshalb inzwischen vorsichtigere Entnahmeraten zwischen 3 und 3,5 Prozent. Dadurch sinkt zwar das Risiko, dass das Depot zu schnell aufgebraucht wird. Gleichzeitig muss jedoch mehr Vermögen aufgebaut werden.
Am Ende bleibt die 4-Prozent-Regel deshalb vor allem eines: eine Faustformel. Wie lange ein Depot tatsächlich reicht, hängt von vielen Faktoren ab. Börsenentwicklung, Inflation, Lebenserwartung, Ausgabeverhalten und die persönliche Anlagestrategie spielen dabei eine entscheidende Rolle.
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