Andrea Schneeberger vom Hotel "Truxerhof" im Zillertal
Truxerhof

Zwischen Tradition und Transformation: Wie Andrea Schneeberger den Tuxerhof in die Zukunft führt

Andrea Schneeberger steht an der Spitze des Tuxerhofs, eines der renommiertesten Familienhotels im Zillertal. Wie schafft sie die Balance zwischen Heritage und Innovation?

Sie ist Unternehmerin, Gastgeberin, Mutter und Tochter. Andrea Schneeberger leitet das Alpin Spa Hotel Tuxerhof im Zillertal und lebt dabei einen Dreiklang aus Familientradition, Innovationsfreude und authentischer Führung. Im Interview spricht sie über ihre Kindheit im Hotel, die veränderte Welt des modernen Wellness, ihre Zeit in den USA, die Herausforderungen der Corona-Jahre und darüber, was Frauen in Führungsrollen heute stärker macht als jede Formel: Klarheit, Bauchgefühl und die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. 

finanzielle: Andrea, du bist ja sprichwörtlich ins Hotel hineingeboren. War dir schon als Kind klar, dass du einmal die Geschäftsleitung des Tuxerhofes übernehmen wirst? Oder hattest du zwischendurch auch ganz andere Träume?

Andrea: Ja, es war tatsächlich so: Ich wollte das immer machen. Für mich war der Tuxerhof schon als Kind Plan A und ich habe mir nie einen Plan B überlegt. Ich kann gar nicht genau sagen, warum das so war, es hat sich einfach richtig angefühlt. Schon als kleines Kind habe ich immer gesagt: „Ich möchte hier Chef werden.“ Ich bin wirklich in diese Welt hineingeboren, hier aufgewachsen und habe diese Atmosphäre von klein auf in mir aufgenommen. Und bis heute hat diese Welt für mich nichts von ihrem Reiz und ihrem Zauber verloren.

Nimm uns doch einmal mit in deine Kindheit: Wie war es für dich, im Hotel aufzuwachsen – mitten im Betrieb, mitten im Urlaubszuhause anderer Menschen?

Ich glaube, das Spannende an der Kindheit ist, dass Kinder nicht vergleichen. Zumindest bis zu einem gewissen Alter nicht. Man überlegt nicht: „Ist das jetzt besser oder schlechter als woanders?“ Viele Dinge, die andere als Riesenvorteil sehen würden, nimmt man selbst als Kind gar nicht so wahr. Ein Beispiel: Dass man theoretisch jeden Tag ans Frühstücksbuffet gehen könnte, sieht man als Kind gar nicht als besonderes Privileg – das ist einfach normal. Für mich war als Kind vor allem eines mega spannend: die vielen Kontakte zu anderen Kindern. Es sind über die Jahre echte Freundschaften entstanden. Einige dieser früheren „Kinderclub-Freunde“ kommen heute mit ihren eigenen Familien wieder zu uns. Und was ich immer geliebt habe, war diese ständige Bewegung im Haus: Menschen kommen und gehen, neue Gesichter, Gespräche, Begegnungen. Dieser lebendige Austausch mit Gästen und anderen Kindern hat mich sehr geprägt.

Wie schafft man es, immer am Puls der Zeit zu bleiben, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und gleichzeitig sich selbst und der eigenen Linie treu zu bleiben?

Ich finde das ein sehr spannendes Thema, weil die Hotellerie wirklich eine Branche ist, in der sich ständig etwas bewegt und man sich permanent weiterentwickeln darf. Für mich persönlich ist das genau der Reiz: Ich möchte weder als Person noch als Betrieb stehenbleiben. Wenn ich mir die letzten Jahre anschaue, und damit meine ich nicht nur die Zeit, seit ich offiziell Verantwortung trage, sondern auch die Zeit davor bei meinen Eltern – dann hat sich wahnsinnig viel verändert. Das Angebot ist wesentlich vertiefter geworden. Themen wie Sport, Bewegung und Gesundheit spielen heute eine viel größere Rolle. Und der Gesundheitsaspekt im Wellnessbereich hat sich stark gewandelt: Wellness vor 20 Jahren ist einfach nicht mehr Wellness von heute.

Sehr geholfen haben mir dabei die Erfahrungen, die ich außerhalb des Tuxerhofes sammeln durfte. Ich war unter anderem in den USA, habe dort verschiedene Bereiche der internationalen Hotellerie kennengelernt und viele Weiterbildungen gemacht. Das war unglaublich erfrischend und inspirierend.

Die größere Herausforderung für mich persönlich ist heute eher, mich ausreichend aus dem operativen Tagesgeschäft herauszunehmen. Daran knabbere ich noch. Mir ist das erst so richtig bewusst geworden durch meinen Mann, der nicht aus der Branche kommt und quasi „hineingeheiratet“ hat. Für ihn war es am Anfang sehr deutlich spürbar: Dieses Leben ist 24/7. Es gibt kein wirkliches Ende und keinen klaren Anfang. Wenn man das nicht kennt, kann das sehr überfordernd und „überladend“ wirken.

Du hast vorhin erwähnt, dass du dir auch gezielt Input von außen geholt hast – unter anderem in den USA. Kannst du erzählen, was du dort genau gemacht hast und was du aus dieser Zeit für dich mitgenommen hast?

Ich habe in den USA an einem Management-Training-Programm teilgenommen und war insgesamt eineinhalb Jahre weg. In dieser Zeit hatte ich Einblick in die internationale Hotellerie, und zwar nicht in einen Konzern, sondern in Häuser mit sehr klaren Managementsystemen. Ein Familienbetrieb wie unserer wird ja ganz anders geführt. Ich habe dort viel darüber gelernt, wie Prozesse strukturiert sein können, wie Managementsysteme funktionieren und was man davon übernehmen kann. Am meisten gelernt habe ich aber letztlich über das, was wir bereits haben – nämlich das, was unsere Form der Hotellerie wirklich ausmacht. Vor allem Familienbetriebe unterscheiden sich stark durch ihre Authentizität. Dieses Echte, dieses Persönliche habe ich als unseren größten Wert erkannt. Das haben wir auch in unseren Werten verankert: Wir wollen authentische Gastgeber sein. Jede und jeder soll aus der eigenen Persönlichkeit heraus Gastgeber sein dürfen. In den USA ist das oft anders: Man ist sehr „dressiert“, eingeschult, spielt eine Rolle, spult gewisse Abläufe ab. Das kann professionell sein, aber es ist weniger echt. Dieses Gefühl, nicht „eine Rolle zu spielen“, sondern als echter Mensch zu begegnen – das habe ich als großen Schatz mitgenommen.

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Hattet ihr im Laufe eurer Geschichte mal das Gefühl „Jetzt wird es eng“?

Corona war definitiv eine harte Probe. In solchen Situationen merkt man sehr stark, was es bedeutet, eine Familie zu sein – im Gegensatz zu einem reinen Managementteam. Der Zusammenhalt in der Familie ist einfach noch einmal etwas anderes und gibt unglaublich viel Kraft.

Für mich persönlich fühlt sich die Corona-Zeit manchmal immer noch ein bisschen surreal an. Es ist noch gar nicht so lange her, aber gleichzeitig kommt es einem vor wie eine andere Welt. Man wurde immer wieder auf „Hold“ gestellt – es hieß ständig: „Bis dahin, dann schauen wir weiter.“

Das hat wahnsinnig viel Kraft gekostet – vor allem, alle immer wieder auf neue Situationen einzustellen und zu motivieren, sich auf neue Rahmenbedingungen zu fokussieren. Wir sind mit allen Mitarbeitern, die damals bei uns tätig waren, in Kurzarbeit gegangen. Für mich war der größte Druck in dieser Zeit, keine Arbeit bieten zu können. Ich bin unglaublich gern Arbeitgeberin. Ich empfinde das als Ehre und als große Verantwortung. Ich habe mich in dieser Phase oft entkoppelt und machtlos gefühlt, weil ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine Perspektive im Sinne von „Komm, wir packen das an“ bieten konnte. Gleichzeitig musste ich optimistisch bleiben, nach innen wie nach außen. Das war sehr herausfordernd.

Du bist Unternehmerin, Gastgeberin, Frau, Mutter – bei dir sind das aber keine strikt getrennten Rollen, sondern alles findet in einem gemeinsamen Lebensraum statt: dem Tuxerhof. Wie schaffst du es, dich trotzdem bewusst herauszunehmen und Zeit nur für dich und deine Familie zu reservieren?

Ich habe gelernt, Termine für mich selbst ganz bewusst zu setzen – so banal das vielleicht klingt. Am Anfang sagt man: „Ja, ja, das mache ich“, aber in der Realität macht man es dann oft doch nicht. Inzwischen funktioniert das recht gut. Ich habe fixe Wochentrainingstermine, an denen ich selbst zum Sport gehe. Das ist meine Zeit. Mit den Kindern haben wir außerdem einen klar definierten Familientag: den Sonntag. Dieser Tag gehört uns als Familie. Da geht es vor allem darum, dass man sich selbst ernst nimmt und diesen Raum einfordert und nicht bei der erstbesten Gelegenheit alles wieder zugunsten der Arbeit auflöst mit dem Gedanken: „Ach, ich bin ja eh da.“ Es geht also sehr stark um Prioritäten. Mein persönliches Ziel ist es, langfristig zwei solcher Tage zu haben. Daran arbeiten wir noch. Aber wichtig ist, dass man dieses Ziel überhaupt erst einmal definiert.

Du kennst es gar nicht anders, als mit deiner Familie zusammenzuarbeiten. Wie erlebst du das ganz konkret im Alltag, gerade in emotionalen Momenten oder bei Entscheidungen, in denen du gleichzeitig Tochter, Schwester und Chefin bist?

Natürlich ist es manchmal emotionaler, wenn man mit der eigenen Familie zusammenarbeitet. Es kommen typische Konstellationen zum Vorschein, die verschiedenen Rollen, die man aus der Familiengeschichte mitbringt.

Das kann herausfordernd sein, weil man zum Beispiel gleichzeitig die Schwester und die Chefin ist. Oder die Tochter und diejenige, die eine klare unternehmerische Entscheidung trifft. Wir haben das aber eigentlich von klein auf gelernt. Beim Mittagessen wird automatisch auch über den Betrieb gesprochen – das kann man nicht wirklich ablegen. Es ist sehr ineinander verwoben.
Für mich ist das aber nicht negativ. Ich habe so viel Freude an meiner Arbeit, dass sie sich für mich nicht wie etwas anfühlt, das ich „zu Hause nicht thematisieren darf“.

Ich tausche mich gern aus, höre gerne andere Meinungen und nehme diesen Austausch auch in den privaten Raum mit hinein. Damit es trotzdem einen gemeinsamen Anker gibt, essen wir jeden Tag um 12 Uhr gemeinsam. Das ist unsere fixe Mahlzeit. Jeder hat mit Kindern, Terminen und Schichten andere Rhythmen, aber mittags ist es schön, wenn wir alle einmal gemeinsam am Tisch sitzen.

Beschäftigst du dich auch außerhalb des Hotels mit Geldanlage? Interessierst du dich zum Beispiel für Aktien und ETFs, und wie bist du dazu gekommen?

Auf jeden Fall. Aber intensiv damit beschäftige ich mich erst seit ein paar Jahren. Ich bin inzwischen im Aufsichtsrat unserer Raiffeisenbank hier in der Region. Die Raiffeisenbanken sind ja Einzelinstitute innerhalb einer Gruppe. Durch diese Tätigkeit bekomme ich einen tieferen Einblick in die Finanzwelt – es ist tatsächlich eine eigene Welt. Schon davor habe ich angefangen, mich mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen – vor allem mit Hilfe von Podcasts. Es gibt heute so viele gute Formate, bei denen man sich Wissen aneignen kann, ohne gleich „ins kalte Wasser zu springen“. Ich finde das großartig, weil es die Hemmschwelle senkt. Man traut sich eher, Fragen zu stellen, und hat nicht mehr so sehr das Gefühl: „Ich kann da ohnehin nicht mitreden.“ Für meine eigenen Kinder wünsche ich mir, dass sie von Anfang an eine andere Selbstverständlichkeit im Umgang mit Finanzen entwickeln. Ich möchte sie früh involvieren, damit sie sich kümmern, nachfragen, Interesse zeigen. Ich glaube, dieses Thema wird bei vielen nach wie vor zu sehr vernachlässigt. Ja, ich habe ein Depot mit ETFs und Aktien. Wir investieren teilweise auch über Zertifikate oder Fonds. Insgesamt bin ich eher breit aufgestellt, aber ich bin nicht der „Zocker-Typ“. Dafür müsste ich mich noch viel intensiver mit Einzelwerten auseinandersetzen.

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Wie erlebst du es als Frau in der Hotelbranche – gerade auch als Unternehmerin und Entscheiderin? Musstest du öfter härter kämpfen oder dich stärker behaupten als männliche Kollegen?

In der klassischen Hotellerie habe ich nicht das Gefühl, dass ich als Frau härter kämpfen musste. Im Gegenteil: Ich glaube, dass uns unsere Empathie und unser Feingefühl in vielen Situationen eher zugutekommen. Da es in der Hotellerie sehr stark um Menschen geht, kann das ein großer Vorteil sein.

Spannend ist es eher in Bereichen rund um das Bauen und Investieren. Wenn ich als Bauherrin auftrete und bei baulichen Themen mitreden möchte, merke ich manchmal schon, dass ich nicht immer sofort ganz ernst genommen werde. Da schwingt gelegentlich so ein unausgesprochenes „Die versteht da eh nicht so viel“ mit. Aber grundsätzlich empfinde ich in unserer Branche keinen systematischen Nachteil als Frau. Wichtig ist, dass man selbst klar auftritt und sich nicht klein macht.

Zum Abschluss: Was würdest du jungen Frauen raten, die selbst ein Hotel oder ein Unternehmen führen möchten – gerade in ländlichen Regionen? Welche drei Dinge sollten sie deiner Meinung nach unbedingt beherzigen, um erfolgreich zu sein?

Erstens: Seid selbstbewusst und zwar selbstbewusster, als es sich in dem Moment vielleicht gewohnt anfühlt. Ich tue mir selbst bis heute manchmal schwer damit, mir einzugestehen, dass ich vieles gut mache. Viele Frauen kennen dieses Gefühl: Man zweifelt eher an sich, statt stolz zu sein. Ich wünsche mir, dass junge Frauen sich mehr zutrauen, dass sie stolz auf das sind, was sie leisten, und das auch nach außen zeigen.

 Zweitens: Hört auf euer Bauchgefühl. Wir haben ein sehr feines Gespür und dieses Bauchgefühl täuscht einen selten. Wenn sich etwas nicht stimmig anfühlt, gibt es dafür meistens einen Grund.

Drittens: Habt klare Konturen und scheut euch nicht, Nein zu sagen. Viele von uns haben den Wunsch, es allen recht zu machen und niemanden zu enttäuschen. Wir verbiegen uns, um niemandem weh zu tun. Gerade in der Hotellerie ist das verbreitet, weil man Dienstleisterin ist und gerne geben möchte. Aber manchmal ist es für einen selbst und für alle anderen einfacher, wenn man klar sagt: „So möchte ich das. So stelle ich mir das vor.“
Ehrlich zu sich selbst zu sein, die eigenen Grenzen zu kennen und zu kommunizieren – das macht vieles leichter. Für einen selbst und für das Umfeld ebenso.

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© Marcus Witte

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