Wert, Luxus und die Kraft von Haltung
Was ist heute eigentlich noch wirklich wertvoll? In einer Welt, in der alles jederzeit verfügbar ist, wird genau das immer schwerer zu beantworten. Produkte werden schneller, Inhalte lauter, Entscheidungen kurzfristiger. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Dingen, die bleiben – nach Qualität, Haltung und Beständigkeit.
Viele Frauen wissen sehr genau, was sie leisten. Und trotzdem fällt es oft schwer, den eigenen Wert klar zu benennen – sei es im Job, bei finanziellen Entscheidungen oder wenn es um die eigene Positionierung geht. Vielleicht, weil wir gelernt haben, uns zu vergleichen. Vielleicht, weil Lautstärke häufig mit Bedeutung verwechselt wird.
Michael Köckritz hat sich als Medienunternehmer und Geschäftsführer von ramp.space früh bewusst gegen Masse und für Tiefe entschieden. Statt auf Reichweite setzt er auf kuratierte Inhalte, hochwertige Printmagazine und eine klare Haltung.
Mit uns spricht er über seinen Weg vom Medizinstudium in die Kreativwelt, über den Unterschied zwischen teuer und wertvoll, über Luxus jenseits von Statussymbolen und darüber, warum Beständigkeit für Marken, Medien und persönliche Entscheidungen heute wichtiger ist denn je.
Vor all den Fragen nach Wert, Haltung und Beständigkeit steht bei Michael Köckritz eine sehr persönliche Entscheidung: der bewusste Bruch mit einem sicheren, klassischen Karriereweg und der Schritt in eine kreative, unternehmerische Selbstständigkeit. Ein Weg, der alles andere als selbstverständlich war.
finanzielle: Michael, du hast Medizin studiert und dich dann sehr bewusst entschieden, diesen Weg nicht weiterzugehen. Stattdessen bist du in die Medienwelt gewechselt, hast Magazine gegründet, Geschichten erzählt, Marken aufgebaut. Wie kam es zu diesem Richtungswechsel und wie sicher oder unsicher hat sich diese Entscheidung damals für dich angefühlt?
Deine Eltern waren mit diesem Schritt damals erst einmal alles andere als glücklich. Gab es trotzdem einen Moment, in dem du selbst gespürt hast: Das ist die richtige Entscheidung – auch wenn sie nach außen unsicher wirkt?
Natürlich war das für meine Eltern erst einmal schwer. Vor allem für meine Mutter. Sie wollten Sicherheit für mich. Aber als sie gesehen haben, dass ich das ernsthaft, strukturiert und mit Verantwortung mache, hat sich das gelegt. Ich habe die Entscheidung nie bereut. Medizin hat mir viel mitgegeben – vor allem den Blick auf den Menschen. Das hilft mir bis heute, weil ich mich als Geschichtenerzähler eigentlich immer mit Menschen beschäftige und damit, wie sie sich fühlen.
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Du hast erwähnt, dass dich an der Medizin immer der Mensch fasziniert hat. Wenn man dir heute zuhört, klingt vieles davon in deiner Arbeit weiter. Siehst du da selbst eine Verbindung?
Wir erleben gerade eine Zeit, in der immer mehr Inhalte über Video, Social Media und schnelle Formate konsumiert werden. Gleichzeitig scheinen hochwertige Printmagazine wieder an Bedeutung zu gewinnen. Warum kommen wir deiner Meinung nach von Print nicht los – gerade jetzt?
Storytelling und Fotografie spielen in deinen Magazinen eine zentrale Rolle. Was macht für dich eine wirklich gute Geschichte aus?
Du sprichst oft von einem positiven Blick auf das Leben. Auch das zieht sich durch deine Magazine. Welche Rolle spielt diese Haltung für dich?
Ich möchte ein positives Bild auf das Leben vermitteln. Nicht naiv, sondern mit einer offenen, lebensbejahenden Grundhaltung. Die Welt ist wunderbar – trotz aller Herausforderungen. Deshalb ist zum Beispiel unser Automagazin ramp auch weniger ein klassisches Technikmagazin. Das Auto ist dort eher eine Metapher für Autonomie und Freiheit. Du bist unterwegs, entdeckst Kultur, Menschen, Orte. Das Auto ist Teil dieser Idee von Freiheit und nicht der Selbstzweck.
Deine Magazine werden oft als Luxusobjekte wahrgenommen. Wenn wir den Begriff einmal von Statussymbolen lösen: Was bedeutet Luxus für dich persönlich?
Luxus ist etwas sehr Persönliches. Wenn man es anthropologisch betrachtet, bewerten wir jedes Objekt, jede Situation, ob wir wollen oder nicht. Wir ordnen instinktiv ein, ob etwas für und gut ist oder nicht. Und Luxus ist etwas, was uns einfach guttut. Dabei ist Luxus keine Eigenschaft von Dingen oder Handlungen, sondern eine sehr persönliche, ästhetische Erfahrung. Luxus als Phänomen im spezifisch phänomenologischen Sinne des Wortes wird Etwas, das für jemanden ist. Zweckrationalismus und Effizienzdiktat sind dabei ganz weit außen vor. Außerdem spielen drei Dinge eine Rolle: Ich bin es wert. Ich kann es mir leisten. Ich gehöre dazu. Das kann eine Rolex sein, wenn jemand damit etwas verbindet. Es kann aber genauso gut ein Kaffee sein, wenn du entscheidest: Ich nehme mir jetzt diese Zeit, ich bin selbstbestimmt. Für mich ist dieses Gefühl von Autonomie extrem wichtig. Dass man selbst entscheidet, was man tut. Das kann materiell sein, muss es aber nicht.
Wie würdest du den Unterschied zwischen „teuer“ und „wertvoll“ beschreiben?
Im Dorotheen-Quartier in Stuttgart hat Michael mit „the ramp space“ einen ganz besonderen Ort geschaffen: Hier gibt es ramp Mags & Coffee mit hochwertigen Printtiteln, Fine Arts und Book Editions, ramp Fashion & Capsule Collections sowie sorgfältig ausgewählte Produkte, eine neuartige Eventreihe, ramp Talks und Live-Redaktionskonferenzen.
Du hast mit deinen Magazinen genau das Gegenteil von dem gemacht, was viele Medienhäuser versuchen: keine Masse, keine maximale Reichweite, sondern eine sehr klare Nische. War dir dieses Risiko von Anfang an bewusst?
Eigentlich war die Idee ganz simpel: Ich wollte Magazine machen, die mir und meinen Freunden fehlen. Ich habe mir gesagt: Ich mache einfach mal vier Hefte so, wie ich glaube, dass man sie machen sollte. Ich habe dabei überhaupt nicht an Luxus gedacht. Es ging mir darum, Themen zu kuratieren, die uns interessieren, und sie in einer wertigen, ansprechenden Form zu erzählen – wie eine Art Freundeskreis-Zeitung.
Wir hätten gar nicht das Geld gehabt, in die Breite zu gehen. Also war diese Überlegung auch gar nicht da. Erst später habe ich realisiert, dass es eine kleine Nische ist, in der das funktionieren kann. Und erstaunlicherweise wurden wir von Anfang an als sehr eigenständig wahrgenommen. Zum Beispiel, weil die FAZ früh über jede Ausgabe geschrieben hat. Da wurde klar: Der Anspruch wird erkannt.
Du beschreibst Markenentwicklung sehr stark über Sinn und Haltung. Wie entsteht aus einer Idee eine Marke, die wirkt, ohne laut oder beliebig zu sein?
Man kann alles über Marktforschung planen oder man geht es mit einer gewissen Naivität an. Ich habe einfach das gemacht, was mir wichtig ist, und geschaut, ob es bei den Menschen funktioniert, die ich erreichen will.
So entsteht eine Persönlichkeit. In meinem Fall auch eine Art Autorenschaft, weil ich als Kreativer die Dinge präge – von den Inhalten über das Design bis hin zur Kommunikation. Irgendwann merkst du: Ich bin selbst eine Marke und muss mit mir genauso achtsam umgehen wie mit meinen Kunden. Wichtig ist, dass dir die Sache wirklich wichtig ist und dass du nicht von Anfang an daran denkst, damit möglichst viel Geld zu verdienen. Viele Dinge, die ich gemacht habe, haben übrigens auch nicht funktioniert. Das gehört dazu.
Glaubst du, dass sich hochwertige Printmagazine in den kommenden Jahren noch stärker zu Luxusgütern entwickeln werden?
Ich glaube, dass hochwertige Printmagazine als Luxusmagazine durchaus eine Berechtigung haben. Entscheidend ist aber immer das Konzept, die Persönlichkeit des Heftes und die Art der Positionierung. Es gibt viele teuer gemachte Magazine, die inhaltlich eher flach sind. Das funktioniert nicht nachhaltig. Es muss stimmig sein – inhaltlich, ästhetisch und in der Haltung. Wenn das gegeben ist, sehe ich auf jeden Fall Chancen.
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Wir leben in einer Zeit, in der vieles schnelllebig und unsicher wirkt. Welche Rolle spielt Beständigkeit für dich – im Konsum, in Medien, aber auch in unternehmerischen Entscheidungen?
Wenn du nach vorne blickst: Welche Visionen oder Projekte möchtest du weiter ausbauen?
Mir ist wichtig, dass die Idee von ramp langfristig funktioniert, auch über meine eigene Person hinaus. Ich versuche, das Unternehmen so aufzustellen, dass es für die nächste Generation tragfähig ist. Die werden vieles anders machen, und das ist auch richtig. Aber die Idee soll bleiben.
Wir merken gerade auch, wie groß das Interesse an realen Erlebnissen ist. Unsere Pop-ups und die Table Talks zeigen, wie sehr Menschen echten Austausch suchen, gerade weil digitale Inhalte und KI immer beliebiger werden.









