Was wir gerade erleben, ist nicht unbedingt ein klassischer Aufschwung. Es ist etwas anderes. Etwas Leiseres. Unsichtbarer. Und mächtiger.
Es ist Liquidität.
Wenn die Geldmenge wichtiger ist als Wachstum
Liquidität ist die Menge an Geld, die im Finanzsystem und in der Realwirtschaft zirkuliert. Sie entsteht, wenn Konjunkturprogramme aufgelegt werden, wenn Notenbanken Zinsen senken und Anleihen stützen – oder ganz banal an der Druckerpresse. Immer dann, wenn Staaten oder Notenbanken sich bewusst entscheiden, mehr Geld ins System zu geben, als die Wirtschaft gerade erwirtschaftet.
Dieses frische Geld sucht sich seinen Weg. Und der führt nicht zuerst in neue Fabriken oder höhere Löhne, sondern in Vermögenswerte. Geld sucht Rendite. Es ist dabei nicht besonders wählerisch.
Es findet sie dort, wo Geschichten erzählt werden, wo Hoffnung verkauft wird, und wo Zukunft versprochen wird.
Deshalb können Vermögenspreise steigen, selbst wenn sich die Realwirtschaft schwerfällig anfühlt. Die Börse reagiert nicht auf das Heute, sondern auf das, was mit dem vielen Geld passieren könnte.
Diesen Mechanismus beobachten wir seit Jahren. Aktien, Immobilien, Gold und digitale Vermögenswerte sind schneller gestiegen als die Realwirtschaft. Liquidität wirkt dabei wie ein Beschleuniger: Sie macht Bewegungen größer, aber nicht unbedingt nachhaltiger.
Das erklärt, warum sich 2026 für viele Anlegerinnen widersprüchlich anfühlen wird: wirtschaftlich zäh, aber an der Börse beweglich.
Die Gezeiten der Märkte
Ich stelle mir Liquidität gern wie eine Gezeitenkraft vor.
Wenn die Flut kommt, hebt sie alle Boote. Große, kleine, solide gebaute und wackelige. Auf den ersten Blick sehen sie plötzlich alle seetüchtig aus. Genau das erleben wir in Phasen hoher Liquidität: Vieles steigt gleichzeitig. Vieles fühlt sich sicherer an, als es eigentlich ist.
Der Unterschied zeigt sich nicht bei Flut, sondern bei Ebbe.
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Nicht alles ist gleich abhängig von Liquidität
Wenn bei steigender Liquidität fast alles mit nach oben gezogen wird, leben nicht alle Investments gleich stark von dieser Flut. Manche steigen aus eigener Kraft, andere nur, weil das Wasser sie trägt. Manche schwimmen auch dann noch, wenn sich das Wasser langsam zurückzieht. Andere verlieren ihren Auftrieb dann sehr schnell.
Besonders stark abhängig von Geld im System sind Anlagen, deren Bewertung vor allem von Erwartungen lebt. Dazu zählen Wachstumsaktien, große Technologie- und KI-Themen, junge Geschäftsmodelle ohne stabile Gewinne und auch Bitcoin. Sie profitieren überproportional, wenn Liquidität reichlich vorhanden ist. Steigt die Flut, laufen sie vorneweg. Zieht sich das Geld zurück, reagieren sie dafür oft abrupt.
Weniger abhängig sind Investments, die heute schon verlässliche Cashflows erwirtschaften. Etablierte Geschäftsmodelle, defensive Sektoren oder Unternehmen, die von realer Nachfrage leben, profitieren ebenfalls von günstigen Finanzierungsbedingungen. Sie stehen stabiler, wenn die Stimmung kippt. Sie steigen in euphorischen Phasen langsamer, verlieren dafür meist auch weniger, wenn die Liquidität nachlässt.
Und dann gibt es Vermögenswerte wie Gold, die einer anderen Logik folgen. Sie reagieren weniger auf Konjunktur oder Wachstum, sondern auf Vertrauen in Währungen, in Staaten, in politische Stabilität. Auch das ist eine Form von Distanz zur klassischen Liquiditätslogik, allerdings mit ganz eigenen Schwankungen.
Warum 2026 besonders launisch wird
Das Börsenjahr 2026 wird launisch. Das sage ich nicht, weil ich an einen großen Crash glaube. Sondern weil vieles gleichzeitig von Liquidität getragen wird, während die wirtschaftliche Basis darunter brüchig bleibt.
Die Druckerpresse läuft.
Währungen lenken Kapital um.
Politische Entscheidungen stärken Vertrauen oder entziehen es.
Und globale Geldströme drehen schneller, als es Schlagzeilen erklären können.
Liquidität ist deshalb kein Investmentthema, sondern der Rahmen, in dem alles stattfindet. Und dieser Rahmen kann sich verschieben, ohne dass ein Unternehmen neue Zahlen liefert oder ein ETF seinen Index ändert.
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Was Liquidität für dein Depot bedeutet
2026 ist kein Jahr, in dem man blind Trends hinterherläuft. Es ist ein Jahr, in dem du wissen solltest, warum eine Position in deinem Depot liegt und wovon sie lebt.
Ein paar ehrliche Fragen helfen mehr als jede Prognose:
• Welche meiner Investments profitieren stark davon, dass viel Geld im Markt ist?
• Welche tragen auch dann, wenn viel Bewegung da ist, aber wenig Richtung?
• Wo verwechsele ich gerade steigende Kurse mit echter Stabilität?
• Und bei welchen Positionen halte ich Schwankungen aus, statt jeden Gewinn sofort abzusichern?
2026 schlägt Disziplin jede Prognose
Umsätze, Gewinnerwartungen, Narrative: alles gut und schön.
Doch die heimliche Kraft hinter vielen Börsenkursen ist oft erstaunlich banal: die Geldmenge.
Wenn mehr Geld ins System kommt, kommt in 2026 auch mehr Bewegung auf uns zu, nach unten wie nach oben. Steigende Liquidität macht Märkte schneller, nervöser und sprunghafter. Kurse reagieren früher, stärker und oft widersprüchlicher, als es Fundamentaldaten nahelegen.
Genau deshalb wird es in 2026 entscheidend sein, Volatilität auszuhalten. Schwankungen sind der Normalfall in einem liquiditätsgetriebenen Markt. Wer dann aber jede Bewegung als Handlungsaufforderung versteht, wird 2026 vor allem eines tun: zu viel.
Nicht die bessere Prognose wird in 2026 zum Vorteil, sondern die Fähigkeit, an einer klaren Struktur festzuhalten, auch wenn es unruhig wird. Disziplin wird damit zum eigentlichen Vorteil.
Denn wenn du weißt, welche Schwankungen du tragen kannst und welche nicht, bleibst du handlungsfähig. Auch dann, wenn die Märkte launisch reagieren.
Über Karina
Karina Metzdorf ist Elektrotechnikingenieurin, Hundemama und seit über 14 Jahren begeisterte Investorin an der Börse. Der Wunsch nach langen Reisen – möglichst noch vor dem Renteneintrittsalter – brachte sie früh dazu, sich intensiv mit Geldanlage zu beschäftigen. Die Börse wurde schnell zu ihrer Leidenschaft: Karina investiert in Aktien, ETFs, Gold und Bitcoin und hat sich zur Börsenhändlerin sowie Finanzanlagenfachfrau zertifizieren lassen. Als sie merkte, dass sie mit keiner ihrer Freundinnen über das Investieren sprechen konnte, gründete sie Börse in Pink. Ihre Mission ist es, Frauen Börsenwissen verständlich und praxisnah zu vermitteln. In ihren Online-Kursen, Vorträgen und Workshops steckt sie mit ihrer Begeisterung und Erfahrung an.









