Nichts ist so überschätzt wie Rechthaben
Souveräne Menschen erkennt man nicht daran, dass sie jedes Argument gewinnen, sondern daran, dass sie den Mut haben, gegen ein gutes Argument zu verlieren. Seit etwas mehr als einem Jahr veranstalte ich die New Perspective Days. Ein kuratiertes Gesprächsformat mit Menschen, die in ihrem Bereich Außergewöhnliches erreicht haben. Dort sprechen wir über Karriere, unternehmerische Entscheidungen, prägende Learnings und persönliche Rückschläge. Vor allem aber über eine Frage, die in unserer Leistungsgesellschaft oft zu kurz kommt: Wie gelingt beruflicher Erfolg, ohne dafür Gesundheit, Beziehungen oder am Ende sich selbst zu opfern?
Mehr als einmal habe ich bei diesen Gesprächen erlebt, wie jemand mit großer Überzeugung seine Sicht auf ein Thema darlegte. Dann stellte jemand eine einzige Frage. Kein brillanter Einwand. Nur eine andere Perspektive. Es wird still. Nicht lange. Vielleicht zwei Sekunden. Aber lang genug, um etwas zu beobachten, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. In diesen wenigen Sekunden zeigt sich der Unterschied.
Manche sprechen sofort weiter, oft noch entschlossener als zuvor. Andere halten die Stille aus. Genau in diesem Moment entscheidet sich, ob jemand nur seine Position verteidigt oder bereit ist, sie zu überprüfen.
Je häufiger ich solche Momente erlebt habe, desto mehr bin ich überzeugt, dass wir Souveränität oft mit Standhaftigkeit verwechseln. Bei erstaunlich vielen erfolgreichen Menschen ist mir dieselbe Eigenschaft begegnet. Sie können ihre Meinung ändern, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Nicht, weil ihnen Überzeugungen gleichgültig wären. Sondern weil ihnen Erkenntnis wichtiger ist als das Bedürfnis, Recht zu behalten. Sie hören zu, stellen Fragen und begreifen selbst widersprüchliche Argumente nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit, die eigene Sicht zu erweitern.
Ein argumentativer Sieg ist kein Zeichen von Souveränität
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Ich sollte an dieser Stelle zugeben, dass ich darin kein bisschen besser war. Ich habe einmal fast vierzig Minuten darüber diskutiert, dass Basilikum nicht in den Kühlschrank gehört. Das Absurde daran war nicht, dass ich recht hatte. Das Absurde war, dass es mir irgendwann längst nicht mehr ums Basilikum ging. Sondern nur noch darum, nicht diejenige zu sein, die nachgibt. Denn Rechthaben fühlt sich einfach besser an, als falsch zu liegen.
Ernster wird es bei den Überzeugungen, die wir nicht an einem Küchentisch verteidigen, sondern jahrelang mit uns herumtragen. Ich war lange überzeugt, Schlagfertigkeit sei ein Zeichen von Intelligenz. Wer auf jede Frage sofort eine Antwort hatte, musste besonders klug sein, dachte ich. Heute glaube ich, dass ich Schlagfertigkeit lange überschätzt habe. Kathryn Schulz schreibt in ihrem Buch Being Wrong: “It does feel like something to be wrong. It feels like being right.” Genau deshalb merken wir meistens erst im Nachhinein, dass wir uns geirrt haben.
Natürlich gibt es Überzeugungen, die man nicht jeden Tag neu verhandeln sollte. Integrität besteht nicht darin, jede Meinung ständig zur Disposition zu stellen. Zwischen Haltung und Sturheit liegt oft nur eine einzige Frage: Bin ich bereit, ein besseres Argument gelten zu lassen? Nicht jeder Meinungswechsel ist Ausdruck von Größe. Manche wechseln ihre Position, weil der Wind sich dreht. Andere können sehr genau erklären, welches Gespräch sie überzeugt hat oder welche Erfahrung ihre Sicht verändert hat. Genau darin unterscheidet sich Erkenntnis von Opportunismus. Öffentliche Debatten laufen heute oft im Kreis. Nicht jeder geht in ein Gespräch, um etwas zu lernen.
Die meisten gehen hinein, um ihre Position zu verteidigen. Wir bringen Kindern bei, Fragen zu stellen. Erwachsenen bringen wir bei, Antworten zu haben. Dabei beginnt jede neue Perspektive dort, wo wir den Mut haben, die eigene infrage zu stellen.









