In unserer Ausgabe 03/2025 widmeten wir Aimie Carstensen in „finanzielle“ ein ausführliches Porträt. Autorin Sylvia Petersen stellte die Gründerin vor – und zur Krönung stand Aimie bei unserer Launch-Party Seite an Seite mit Cover-Frau Verona Feldbusch auf der Gästeliste. Beim Rooftop-Event im Hotel Zoo Berlin fanden unter anderem auch die Dreharbeiten zur ARD-Reihe „Money Maker“ statt, in der die Erfolgsgeschichten junger Talente erzählt werden. Die Folge über Aimie-Sarah Carstensen ist jetzt in der Mediathek erschienen. Kleiner Tipp: Besonders spannend wird es ab Minute 13:34.
Aimie-Sarah Carstensen: ArtNights verbinden Menschen
Dass sie schon mit Mitte 20 ein Unternehmen gründet, um in anderen Menschen Kreativität zu wecken? Da wäre Aimie-Sarah Carstensen im Traum nicht drauf gekommen. Im Gegenteil: Angestellt in einem großen Konzern, mit dem Endziel DAX-30-Vorständin – so hatte sie sich ihre Zukunft stets ausgemalt. „Für mich stand nach dem Abi fest, dass ich auf keinen Fall gründen werde“, sagt die heute 36-Jährige und muss bei dem Gedanken lachen, dass es dann ganz schnell ganz anders kam: Seit gut acht Jahren ist sie CEO von ArtNight, ihrem eigenen Business, das auf der Idee fußt, „Menschen offline durchs gemeinsame Malen zusammenzubringen“, so Aimie. „Wir leben im digitalen Zeitalter und ich bin auch ein großer Fan von AI und Co, aber trotzdem sind wir alle soziale Wesen und brauchen echte Beziehungen und menschliche Interaktion. Ich möchte besonders Erwachsene wieder stärker in Verbindung mit ihrer eigenen Kreativität bringen und ihren Innovationsgeist und Schaffensprozess ankurbeln.“
Der Mut zur Gründung war da
Kreativ Innovatives schaffen – das steckt auch im Unternehmertum. Doch in ihrer Jugend nahm Aimie das als etwas Negatives wahr. Ihre Eltern waren immer selbstständig gewesen, „sie waren jetzt aber keine fancy Start-up-Unternehmer und wir hatten oft kein Geld“, erzählt Aimie. „Ich bekam mit, dass meine Mutter und mein Vater immer wieder bei null anfangen mussten.“ Sie strebte daher eine Konzernlaufbahn an und stieg – nach einem dualen Studium bei Canon – beim Axel-Springer-Verlag im Bereich Digital Media Cooperations ein. Mit Mitte 20 wechselte sie zum Bertelsmann-Konzern, um dort als Intrapreneurin eine Agentur für Employer Branding aufzuziehen. „Und da spürte ich: Auch in mir schlägt ein starkes Unternehmerinnenherz“, sagt Aimie. „Deswegen habe ich auch nicht lange gezögert, als sich 2016 die Chance mit ArtNight ergab.“
Aimie tat sich für ArtNight mit einem Co-Gründer zusammen. Sie gibt offen zu, dass sie sich damals nicht zutraute, es allein zu stemmen: „Ich bekam auch aus meinem Umfeld wenig Ermunterung. Viele sagten: ‚Ohne einen Mann an deiner Seite kriegst du das nicht hin und wirst niemals Investor:innen finden.‘ Heute weiß ich: Ich habe mich damals falsch eingeschätzt.“ Aimie nahm 10.000 Euro von ihrem Ersparten, um ArtNight zu launchen. 5000 Euro steckte sie ins Unternehmen, von den anderen 5000 Euro musste sie ein Dreivierteljahr zum
Leben auskommen. Das war das Limit, das sie sich gesetzt hatte. „Es blieben also nur neun Monate, um ArtNight so aufzubauen, dass wir uns ein kleines Gehalt auszahlen können“, sagt Aimie. „Der Druck, mit ArtNight schnell Geld reinzubekommen, war enorm. Er hat aber auch dazu geführt, dass wir sehr stringent und effektiv an die Sache herangegangen sind.“
„Fuck, das fliegt uns um die Ohren!“
Aimie-Sarah Carstensen Tweet
Der Start von ArtNight
Die erste Website wurde mit WordPress selbst gebaut, im Künstlerladen besorgte sie Malsachen. Über Ebay-Kleinanzeigen suchte Aimie nach Künstler:innen, die anderen innerhalb von zwei Stunden beibringen können, selbst ein Bild zu malen. Weil kein Geld für Werbung übrig war, meldete sich Aimie in allen erdenklichen Facebook-Gruppen an, um ihr Kunst-Event zu promoten – von Singles in München über Mädels in Leipzig bis Neu in Berlin. Parallel dazu warb sie mit Flyern. „Das war für mich persönlich schon ein krasser Schritt“, gesteht sie. „Bei Bertelsmann hatte ich eine Assistentin und ein großes Team – und plötzlich habe ich mich in den Berliner U-Bahn-Höfen wiedergefunden, um Flyer zu verteilen.“
Der Einsatz zahlte sich aus: Das Ziel, spätestens ein Dreivierteljahr nach Launch 20.000 Euro Umsatz pro Monat zu generieren, erreichten sie vor Ablauf der Zeit. Die ArtNight ging peu à peu viral, „und positive Mund-zu-Mund-Propaganda ist auch heute noch einer der größten Marketingkanäle. Gutes Feedback spricht sich rum.“
Nach einer gewissen Zeit stand die erste Finanzierungsrunde an, um das Business schneller voranzutreiben. „Kurzum: Ich ging Klinken putzen“, so Aimie. „Ich musste alle Scheu abschütteln und habe bei verschiedenen Unternehmer:innen mein Geschäftsmodell gepitcht.“ 2017 überzeugte sie damit in der „Höhle der Löwen“. Heißt: Sie ging mit einer Investitionssumme von 150.000 Euro aus der TV-Show. „ArtNight ist danach extrem schnell gewachsen“, sagt sie. „Wir haben so viele Tickets verkauft, dass wir kaum hinterherkamen.“ Die 36-Jährige gibt zu, dass sie damals wie im Rausch gewesen sei und total übermütig wurde: Kurz vor Ausbruch der Coronapandemie expandierte sie mit ArtNight in fünf Länder und gründete gleichzeitig mit der BakeNight, PlantNight und ShakeNight drei weitere Unternehmen. „Rückblickend war es der totale Wahnsinn“, so Aimie. „Es war aber einfach der Zeitgeist damals. Die ganze Start-up-Szene tickte nach dem Motto: ‚Scheiß auf die Kosten – Hauptsache, die Sales-Zahlen gehen nach oben.‘“
Auf Expansionskurs
Innerhalb kürzester Zeit wuchs ihr Unternehmen von 25 auf 130 Mitarbeiter:innen an. Selbst nach Ausbruch der Coronapandemie expandierte Aimie weiter und launchte für alle vier Brands E-Commerce-Produkte, wie Cocktailboxen und Backsets. „Am Ende hatten wir mitten in der Coronazeit ein riesiges Unternehmen mit zig verschiedenen Unterunternehmen, die vom Geschäftsmodell her alle unterschiedlich funktionierten. Ich weiß noch, wie ich eines Morgens aufwachte und dachte: ‚Fuck, das Ganze fliegt uns um die Ohren‘. Wir hatten einen gigantischen Kostenapparat, den wir nicht mehr bedienen konnten. Und ein riesiges Team, von dem ich nicht mehr wusste, was die Leute eigentlich alle genau machen.“
2021 stieg Aimies Co-Gründer aus, um sich anderem zu widmen. Für sie selbst kam ein Exit nicht infrage. „Ich wollte der Verantwortung, die ich übernommen hatte, gerecht werden“, sagt sie. „Ich wollte in den Spiegel gucken und sagen können: ‚Ich habe mein Bestes gegeben.‘“ Die (notwendige) Folge war ein radikaler Neustart: Aimie entschied sich, downzusizen und sich aufs Kerngeschäft, die ArtNight in Deutschland und Österreich, zurückzubesinnen. Alles andere stampfte sie ein – was zwangsläufig in einer Massenentlassung mündete. „Das war sehr schmerzhaft, denn es stecken natürlich persönliche Schicksale dahinter. Ich habe als Geschäftsführerin aber eine unternehmerische Verantwortung, und harte Entscheidungen zu treffen, gehört dazu.“
Erfolgsmodell Downsizing
Heute ist ArtNight nachhaltig erfolgreich. „Ich mache mit 24 Mitarbeiter:innen mehr Umsatz als mit 130“, erzählt Aimie. „Du kannst ein Unternehmen immens aufblasen und eine riesige Belegschaft haben, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Teams ab einer bestimmten Betriebsgröße nur noch mit sich selbst beschäftigt sind und nicht mehr mit der operativen Umsetzung.“
Heute lässt sich Aimie von „all den Versuchungen“ nicht mehr verleiten – von all dem also, was man vermeintlich braucht, um ein Unternehmen am Laufen zu halten. „Im Kern ist es meist viel weniger als man meint“, findet sie.
Das heißt aber nicht, dass Aimie keine großen Visionen mehr hat. Die Unternehmerin, die sich schon mehrfach ins Schweigekloster zurückgezogen hat („da kamen mir bislang die besten Ideen!“), will langfristig wieder in andere Länder expandieren und ArtNight als größten Player in Europa für kreative Erlebnisse etablieren. Sie glaubt weiter fest an sich und ihr Produkt: „Es ist doch toll, wenn Teilnehmer:innen stolz und happy nach Hause gehen, weil sie von sich selbst überrascht sind – von dem, was in ihnen an Kreativität schlummert.“









