Natascha Wegelin
Mirjam Hagen

Natascha Wegelin: „Aufgeben ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können“

"Die Krise liebt Frauen wie dich - wie du finanziell resilient wirst und wächst, egal was kommt" ist der Titel ihres neuen Buchs. Uns erklärt die Madame-Moneypenny-Gründerin im Interview, worum es darin geht.

Natascha Wegelin, Gründerin von Madame Moneypenny und eine der stärksten Stimmen für Female Finance, hat ein neues Buch geschrieben: Die Krise liebt Frauen wie dich. Darin erklärt sie, warum Krisen Frauen besonders hart treffen, wie finanzielle Resilienz zur Überlebensstrategie wird und warum Geld in Frauenhänden Machtverhältnisse verschiebt. Wir haben mit ihr gesprochen.

Der Titel deines neuen Buches lautet „Die Krise liebt Frauen wie dich“. Was steckt dahinter? Lieben Krisen Frauen tatsächlich – im Sinne von: Sie treffen sie besonders hart? Oder sagst du auch: Frauen haben besondere Stärken, um mit Krisen umzugehen?

Der Titel ist bewusst provokant gewählt und zweideutig gedacht. Krisen „lieben” Frauen nicht im positiven Sinne, sondern weil sie bei Frauen besonders leicht andocken und da Schaden anrichten können, wo Frauen ohnehin schon mehr Verantwortung tragen. Frauen verdienen rund 16 Prozent weniger Gehalt als Männer (Quelle), besitzen weniger oder sogar gar kein Vermögen (Quelle), arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen mehr Care-Arbeit (Quelle) und erhalten im Alter über 35 Prozent weniger Rente (Quelle). Krisen wirken deshalb nicht neutral bei ihnen, sondern treffen sie schneller und härter. Die Krise liebt Frauen genau dann, wenn sie unsicher, finanziell abhängig und fragil sind. Dann kann die Krise einen überrollen, was konkrete und existenzbedrohende Folgen haben kann: Einkommensausfälle, fehlende Rücklagen, der Zwang, Arbeitszeit zu reduzieren oder finanzielle Entscheidungen aus purer Not zu treffen.

Aber die Krise liebt Frauen auch dann, wenn sie finanziell resilient und vorbereitet sind. Wenn sie nicht von ihr überrascht werden, sondern vorbereitet sind. Wenn Rücklagen da sind, ein Plan existiert und Entscheidungen nicht aus Angst getroffen werden müssen. Dann verliert die Krise ihren zerstörerischen Charakter. Sie wird zum Katalysator.

In diesem Zustand nährt sich die Krise nicht von Hilflosigkeit, sondern stößt Entwicklung an. Sie zwingt dazu, Klarheit zu gewinnen, Prioritäten neu zu setzen, alte Abhängigkeiten zu lösen und bessere Entscheidungen zu treffen. Wer finanziell stabil ist, kann durch Krisen hindurchgehen, statt von ihnen verschlungen zu werden und kommt oft anpassungsfähiger, handlungsfähiger und wohlhabender daraus hervor. Wie die Krise einen „liebt“, entscheidet sich deshalb nicht im Außen, sondern im Inneren: in Vorbereitung, Verantwortung und finanzieller Resilienz.

Wir leben in einer Zeit von Multi-Krisen mit einem – in deinem Buch ausführlich dargelegten – gesellschaftlichen Rückschritt was Gleichberechtigung angeht. Gab es einen konkreten Auslöser, warum du dieses Buch geschrieben hast?

Über die Jahre hinweg habe ich beobachtet, wie sich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen überlagern und wie Gleichberechtigung in genau solchen Momenten plötzlich verhandelbar geworden ist. Frauenrechte gelten dann schnell als „Nice to have“, nicht als Grundversorgung. Gleichzeitig tragen Frauen in diesen Krisen die Hauptlast: Sie sichern Familien, kompensieren Care-Lücken, halten Unternehmen und Systeme am Laufen – oft ohne Absicherung.

Was hat dich dann konkret dazu gebracht, das Buch zu schreiben?

Der konkrete Auslöser war ein Moment, in dem mir klar wurde: Aufgeben ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der Sicherheit der Normalzustand ist, sondern Unsicherheit prägt unsere neue Realität. Und zu sehen, wie genau darauf so viele schlecht vorbereitet sind – nicht, weil sie zu wenig können, sondern weil das System nicht für die Lebensrealitäten von Frauen gebaut ist -, war ein Ansporn, dieses Buch zu schreiben.

Du hast für das Buch sehr viel recherchiert und ökonomische Zusammenhänge aufgearbeitet – etwa, wie Wirtschaftskrisen entstehen, welche Muster sich wiederholen und wie dies sich auf Frauen auswirkt. Welche Erkenntnis hat dich dabei am meisten überrascht oder vielleicht sogar persönlich verändert  und warum?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war, wie vorhersehbar Krisen eigentlich sind und wie wenig zufällig ihre Folgen verteilt werden. Wirtschaftskrisen folgen immer wieder ähnlichen Mustern. Das heißt, es ist nicht überraschend, dass Krisen kommen, sondern wie extrem systematisch Frauen in diesen Phasen die Hauptlast tragen; finanziell, emotional und organisatorisch.
Buchcover von Natascha Wegelin: "Die Krise liebt Frauen wie dich – wie du finanziell resilient wirst und wächst, egal was kommt."
Das neue Buch von Madame Moneypenny, Heyne Verlag, 20 Euro

Ist finanzielle Verletzlichkeit also kein Zufall, sondern System?

Es ist wichtig zu verstehen, dass finanzielle Verletzlichkeit kein individuelles Problem ist, sondern strukturell erzeugt und durch Krisen beschleunigt wird: durch Einkommenslücken, unbezahlte Care-Arbeit, fehlende Absicherung und Systeme, die weibliche Lebensrealitäten nicht mitdenken. Wer diese Muster versteht und sich entsprechend vorbereitet, kann Krisen nicht nur überstehen, sondern sie aktiv nutzen; um finanziell selbstbestimmter und gewissenhafter zu entscheiden, Risiken bewusster zu steuern, Vermögen strategischer aufzubauen und den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern. Diese Perspektive und Erkenntnis hat meinen Blick auf Krisen komplett verändert: Sie sind keine Bedrohung, sondern Entwicklungsmomente – wenn man denn richtig auf sie vorbereitet ist.

Krisen verlaufen nie gleich und doch scheinen sie oft denselben Mustern zu folgen. Wie können wir uns, besonders als Frauen, auf solche Szenarien vorbereiten? Und warum ist gerade finanzielle Vorbereitung aus deiner Sicht so zentral?

Krisen verlaufen nie gleich, aber sie folgen wiederkehrenden Dynamiken: Unsicherheit, Verknappung, Verschiebung von Verantwortung. Das Buch zeigt deshalb nicht nur, wie man sich auf einzelne Szenarien vorbereitet, sondern auch wie man sich grundsätzlich so aufstellt, dass Krisen nicht existenziell werden, sondern sogar eine Chance für Wachstum sein können. Für Frauen ist die Vorbereitung auf Krisen deshalb so wichtig, weil sie strukturell mit weniger Puffer in Krisen gehen und systematisch stärker von ihnen belastet werden.

Wie sieht diese Vorbereitung konkret aus: Womit fängt man an?

Die Vorbereitung beginnt damit, zu verstehen, dass Krisen kein Ausnahmezustand sind, sondern Teil wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zyklen. Finanzielle Vorbereitung heißt deshalb nicht, auf den Ernstfall zu hoffen oder ihn vermeiden zu wollen, sondern ein System aufzubauen, das unter Druck funktioniert: mit dem richtigen Mindset, finanzieller Selbstbestimmung, ausreichend Liquidität, Vorsorge und Absicherung, Humankapital und einer Anlagestruktur, die Schwankungen einkalkuliert, statt von ihnen überrascht zu werden. Nicht, um sie zu vermeiden, sondern um handlungsfähig zu bleiben und die Krise nutzen zu können. Wer finanziell resilient ist, reagiert nicht nur auf Krisen, sondern wächst an ihnen.

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Du nennst finanzielle Resilienz keine Option, sondern eine Überlebensstrategie. Was genau bedeutet finanzielle Resilienz für dich? Und wie kann /sollte man sie (heutzutage) trainieren?

Finanzielle Resilienz heißt, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Sie ist eine Überlebensstrategie, weil sie nicht von Krisen als Ausnahme ausgeht, sondern von Unsicherheit als Dauerzustand. Wenn Krisen zum neuen Normalfall werden, braucht es finanzielle Resilienz, um handlungsfähig zu bleiben und nicht an dieser Realität zu zerbrechen.

Sie entsteht nicht durch isoliertes „trainieren” einzelner Fähigkeiten, sondern durch das Zusammenspiel von acht zentralen Faktoren, die erstmals so von mir ausgebaut und als zusammenhängendes Modell entwickelt wurden: Psychologische Resilienz und Mindset; Ownership; finanzielle Selbstbestimmung; Rücklagen und Liquidität; Vorsorge und Absicherung; Finanzkompetenz; investiertes Vermögen mit einer Langfriststrategie; und schließlich Humankapital. Zusammengenommen entsteht daraus ein System, das nicht nur schützt, sondern Entwicklung ermöglicht.

Du zitierst Frauen aus deiner Community, die sagen, sie fühlen sich wie gelähmt angesichts der Krisen – von Inflation über Kriege bis hin zu Klimawandel. Wie kann man aus dieser Starre herausfinden und wieder ins Handeln kommen?

Erst einmal muss klar sein, dass diese Ohnmacht eine völlig nachvollziehbare und logische Reaktion ist. Gerade für Frauen, die ohnehin viel Verantwortung tragen und von den Krisen besonders hart getroffen werden. Frauen springen ein, wenn Betreuung wegbricht, halten Familien, Teams und Organisationen am Laufen und kompensieren Lücken, die Politik und Institutionen offenlassen. Es muss uns also bewusst sein, dass diese Lähmung kein persönliches Versagen ist. Sie ist ein Resultat von Systemen, die die Last der Krisen ungerecht verteilen.

Okay, die Ohnmacht ist verständlich. Aber wie wird daraus wieder Handlungsfähigkeit?

Der Weg zurück ins Handeln beginnt dort, wo man wieder konkrete Einflussmöglichkeiten erlebt. Finanzielle Resilienz spielt hier eine zentrale Rolle, weil sie Angst nicht wegredet, sondern in Handlungsspielraum übersetzt. Der erste Schritt ist, die diffuse Bedrohung zu konkretisieren: die eigenen Zahlen zu kennen, statt sie zu vermeiden. Was kommt rein, was geht raus, welche Fixkosten bestehen, wie lange reichen vorhandene Rücklagen wirklich? Allein dieser Überblick nimmt der Krise ihre Unschärfe. Der zweite Schritt ist, sich bewusst kleine, kontrollierbare Hebel zu setzen: einen finanziellen Puffer aufzubauen, Abhängigkeiten zu identifizieren, Einnahmequellen zu stabilisieren oder Wissen zu erwerben, um Entscheidungen einordnen zu können. Es geht nicht darum, sofort „alles richtig“ zu machen, sondern darum, wieder aktiv zu gestalten. Wer Überblick über die eigenen Zahlen hat, Rücklagen aufbaut und versteht, welche Hebel es gibt, kommt raus aus dem diffusen Bedrohungsgefühl. Aus „Ich bin ausgeliefert“ wird „Ich habe Optionen“.

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Krisen beeinflussen auch die Geldanlage. Viele Anlegerinnen, die in den vergangenen zehn Jahren mit dem Investieren an der Börse angefangen haben, sind – vom kurzen Corona-Crash mal abgesehen – steigende Märkte gewöhnt. Wie können sich Anlegerinnen auf mögliche Unsicherheiten und Turbulenzen an den Aktienmärkten vorbereiten?

Dass viele Anlegerinnen steigende Märkte gewöhnt sind, ist historisch eher die Ausnahme. Und das prägt entsprechend auch ihre Erwartungen und macht anfällig für Enttäuschungen. Sich auf Unsicherheiten vorzubereiten heißt deshalb nicht, Turbulenzen zu vermeiden, sondern Strukturen zu schaffen, die auch unter Druck tragen. Nach dem Corona-Crash habe ich oft den Satz gehört „Hätte ich doch nur im Corona-Crash investiert”. Die Zahlen zeigen, warum diese Reue auch berechtigt ist: Wer am Tiefpunkt im März 2020 in den MSCI World investierte, erzielte in rund fünfeinhalb Jahren etwa 130 Prozent Rendite (Quelle). Das ist eine Entwicklung, für die sonst zehn bis zwölf Jahre nötig sind! Krisen können deshalb verlorene Zeit aufholen und Wachstum beschleunigen – vorausgesetzt, man ist vorbereitet und handlungsfähig.

Man kann sich dabei an dem Bild eines Baumes orientieren: Investiertes Vermögen ist die Krone – sie kann wachsen, aber nur, wenn die Wurzeln stark sind. Diese Wurzeln sind Rücklagen, Absicherung und ein stabiles Einkommen. Wer ohne dieses Fundament investiert, gerät in Krisen schnell unter Druck und trifft Entscheidungen aus Angst. Vorbereitung heißt also zuerst: Liquidität sichern und Risiken außerhalb des Depots stabilisieren. Übersetzt heißt das: breite Diversifikation, ein langer Anlagehorizont und die Bereitschaft, Schwankungen auszuhalten. Und vor allem: Krisen nicht als Störung, sondern als Teil der Zyklen zu begreifen.

Du betonst, dass finanzielle Stabilität nicht nur für das eigene Leben sehr wichtig ist, sondern auch gesellschaftlich für Frauen insgesamt eine große Bedeutung hat. Inwiefern ist das so? Und welche (unterschätzte) Hebel haben Frauen hier?

Finanzielle Stabilität ist keine private Komfortfrage, sondern eine gesellschaftliche Machtfrage. Wer finanziell stabil ist, kann Entscheidungen treffen, Grenzen setzen und im Zweifel Nein sagen; zu Jobs, Beziehungen oder Strukturen, die ausbeuten oder klein halten. Wenn Frauen diese Stabilität fehlt, werden strukturelle Ungleichheiten immer wieder reproduziert, ganz unabhängig davon, wie emanzipiert sie sich fühlen. Genau hier liegt ein (unterschätzter) Hebel: Geld in Frauenhänden verändert Machtverhältnisse. Denn finanzielle Stabilität ermöglicht nicht nur individuelle Freiheit, sondern kollektive Wirkung – etwa, wenn Frauen ihre Arbeitskraft nicht unter Wert verkaufen müssen, Care-Arbeit nicht stillschweigend subventionieren oder politisch und gesellschaftlich sichtbarer werden.

Bei deinem Buch 2018 hast du erzählt, dass du bei der Veröffentlichung Karaoke gesungen hast – in voller Abba-Montur. Was ist diesmal dein persönliches Ritual oder Symbolmoment für den Buchstart?

Dieses Mal wird es kein großes Ritual oder einen symbolischen Moment geben. Der Buchstart fühlt sich natürlich anders an als 2018 und für mich am schönsten ist zu sehen, dass Frauen das Buch lesen und davon profitieren. Der eigentliche Symbolmoment ist für mich, dass diese Themen jetzt auch in die großen Medien kommen und eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Kein Karaoke, sondern Klarheit und die Hoffnung, dass dieses Buch Frauen dabei hilft, in unsicheren Zeiten stabiler zu stehen und an Krisen zu wachsen.

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