Colette C. Carmenisch: plastische Chirurgin im Interview
Colette C. Carmenisch

Dr. Colette Camenisch: „Ich wollte nie abhängig sein“

Colette Camenisch zählt zu den bekanntesten plastischen Chirurginnen der Schweiz. Mit uns spricht sie über Selbstbestimmung, finanzielle Unabhängigkeit und den Mut, gegen Vorurteile zu kämpfen.

Was, wenn du Ärztin werden willst – aber keine Klinik dich ausbilden will? Wenn du doppelt so gut sein musst wie andere, um dieselbe Anerkennung zu bekommen? Dr. Colette Camenisch musste sich genau diesen Fragen stellen. Heute führt sie ihre eigene Klinik in Zürich – und bricht mit vielen Vorurteilen über ihren Beruf. Im Gespräch mit finanzielle erzählt sie, wie sie sich als Frau in der Chirurgie durchgesetzt hat, warum finanzielle Unabhängigkeit für sie nie verhandelbar war – und wie sie ihren Weg trotzdem gegangen ist.

Dr. med. Colette Camenisch ist nicht nur eine der bekanntesten plastischen Chirurginnen der Schweiz – sie ist auch eine Frau, die ihren ganz eigenen Weg gegangen ist. Weil sie nach dem Studium keine Stelle bekam, ging sie nach Stockholm. Weil sie in der Schweiz „zu rebellisch“ galt, suchte sie sich ihre Türen selbst. Und weil sie finanzielle Freiheit wollte, baute sie eine eigene Klinik auf.

Im Gespräch mit finanzielle spricht Colette offen über die Realität in der Medizinbranche: über wirtschaftliche Risiken, strukturelle Barrieren – und die Kraft, sich davon nicht aufhalten zu lassen. Warum plastische Chirurgie für sie politisch ist, wie sie mit Vorurteilen umgeht und warum Frauen in der Medizin mehr Selbstbewusstsein brauchen.

Colette, du bist heute eine der bekanntesten plastischen Chirurginnen der Schweiz – aber dein Weg dorthin war alles andere als geradlinig. Wie hat alles begonnen?

Dr. med. Colette Camenisch: Schon als Elfjährige wusste ich mit erstaunlicher Klarheit: Ich werde Ärztin. Diese innere Gewissheit hat mich nie verlassen – im Gegenteil. Je näher ich meinem Ziel kam, desto sicherer wurde ich, dass mein Platz in der Medizin liegt – und dort ganz besonders in der Chirurgie. Während des Medizinstudiums spürte ich immer deutlicher: Die Verbindung von chirurgischer Präzision und einem tiefen ästhetischen Empfinden ist genau mein Weg. Ich liebe alles, was harmonisch ist – Linien, Proportionen, Formen, die ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Genau das vereint die plastisch-ästhetische Chirurgie: anspruchsvolles chirurgisches Handwerk und ein feines Gefühl für Ästhetik.
Heute – nach vielen Jahren intensiver Ausbildung, internationaler Erfahrung und stetiger Weiterentwicklung – bin ich stolz, zu den bekanntesten plastischen Chirurginnen der Schweiz zu zählen. Und dennoch: Jeder Tag in diesem Beruf bleibt eine neue Herausforderung. Und genau das macht ihn so erfüllend.

Du wolltest plastische Chirurgin werden, hast aber nach dem Studium keine Ausbildungsstelle bekommen. Wie bist du mit dieser Enttäuschung umgegangen?

Ja, das stimmt leider. Ich habe mich damals bei allen relevanten Kliniken und Universitäten in der Schweiz beworben, die überhaupt eine der wenigen Ausbildungsstellen zur plastischen Chirurgin anboten – aber zunächst kam überall eine Absage. Die Rückmeldungen reichten von „zu jung“ bis „passt nicht ins Team“. Irgendwann hieß es sogar, mein Wesen sei „zu eigenständig“ oder gar „rebellisch“ – man sehe Schwierigkeiten, mich in bestehende Strukturen zu integrieren.
Ich habe mich davon nicht entmutigen lassen und stattdessen eine Facharztausbildung in Allgemeinchirurgie begonnen – und abgeschlossen. Mein Wunsch war aber weiterhin klar: plastische Chirurgie. Also habe ich erneut Bewerbungen geschrieben, diesmal auch ins Ausland – von Skandinavien bis Südeuropa. Spanien wäre mein Traum gewesen, am liebsten Madrid oder Barcelona.

Geklappt hat es dann in Stockholm – an der renommierten Akademikliniken, damals eine der besten Adressen Europas. Und rückblickend war genau das ein Glücksfall. Die Ausbildung dort war exzellent und hat mein chirurgisches Denken tief geprägt. Dass mein Weg nicht geradlinig verlief, war schmerzhaft – aber genau diese Umwege haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin.

Mit 32 warst du bereits Oberärztin – in einem Feld, das lange als Männerdomäne galt. Wie hast du dich durchgesetzt?

Ja, ich war mit 32 zum ersten Mal Oberärztin – in der Allgemeinchirurgie eines Regionalspitals in der Nähe des Flughafens Zürich. Besonders prägend war für mich meine damalige Chefärztin: Sie war die erste Frau in der Schweiz, die eine solche Position in der Chirurgie innehatte. Eine beeindruckende Persönlichkeit – und ein echtes Vorbild. In jungen Jahren war ich voller Energie und Überzeugung – und ehrlich gesagt: Das hat vieles erleichtert. Die Dominanz der Männer war da, aber ich ließ mich nicht abschrecken. Ich brannte für meinen Beruf und hatte eine große innere Entschlossenheit. Und ich wusste: Wenn ich fachlich überzeugt bin, werde ich auch akzeptiert. Mein erster Facharzttitel in Allgemeinchirurgie steht für viele Nächte im OP, für Ausdauer, Leidenschaft und den Willen, immer wieder über mich hinauszuwachsen. Diese Phase hat mich enorm gestärkt.

Dr. Colette Carmenisch im Interview mit finanzielle

Gab es einen Moment in deiner Laufbahn, der dir besonders viel Mut abverlangt hat?

Ja – diese Momente gab und gibt es bis heute. Wobei ich rückblickend sagen würde: Es ist weniger klassischer Mut im Sinne von „tapfer sein“, sondern vielmehr das Vertrauen in die eigene innere Stimme – und die Entschlossenheit, weiterzugehen, auch wenn man nie ganz sicher ist, was am Ende kommt.

Früher waren es andere Mutproben: Habe ich die richtige Diagnose gestellt? Ist der Blinddarm tatsächlich ein Blinddarm? Sitzt die Schraube im Knochen richtig– so, dass das Röntgenbild am nächsten Morgen im Rapport stimmt? In dieser Zeit war die chirurgische Präzision mein Prüfstein – Tag für Tag.

Heute sind es andere Herausforderungen. Zum Beispiel in der plastischen Chirurgie: Da braucht es Fingerspitzengefühl, aber auch Klarheit – etwa, wenn ich einer Patientin von einem Eingriff abrate, obwohl der wirtschaftlich reizvoll wäre.
Und dann ist da noch der Mut der Unternehmerin: Als ich mich selbstständig machte, war das ein Sprung ins Ungewisse. Besonders in der Corona-Zeit, als ich meine Arbeit einstellen musste, wurde mir bewusst, wie sehr Mut auch bedeutet, in schwierigen Zeiten weiterzugehen, neu zu denken – und sich nicht unterkriegen zu lassen.
Auch mein Buch war so ein Moment: Ich habe es komplett selbst finanziert, ohne zu wissen, ob es jemand lesen würde. Zum Glück fand ich einen großartigen Verleger, der daran geglaubt hat. Kurz: Mut ist mein ständiger Begleiter. Nicht laut – aber grundlegend.

Welche Lektion hättest du gern schon als Medizinstudentin gewusst?

Das ist eine wichtige – und gar nicht so einfache – Frage. Wenn ich heute zurückblicke, hätte ich mir damals gewünscht, dass mir jemand frühzeitig erklärt, wie komplex die politische und wirtschaftliche Realität unseres Gesundheitssystems wirklich ist.
Im Studium lernt man, eine gute Ärztin zu sein. Später in der Facharztausbildung geht es darum, eine exzellente Operateurin zu werden. Doch sobald man – wie ich – eine eigene Praxis oder Klinik aufbauen will, wird man plötzlich zur Unternehmerin, zur Arbeitgeberin, zur Verhandlerin mit Banken, Versicherungen und Behörden. Und darauf bereitet einen niemand wirklich vor.
Ich hätte gerne früher gewusst, wie entscheidend es ist, ein grundlegendes Verständnis für das System zu haben, in dem man arbeitet – rechtlich, wirtschaftlich und strukturell. Arbeitsrecht, Haftpflichtfragen, Finanzierungsmodelle: All das spielt eine zentrale Rolle, wenn man eigene Strukturen schaffen will. Aber an der Uni wird darüber kaum gesprochen.
Deshalb sage ich heute jungen Medizinerinnen: Die medizinische Expertise ist wichtig – aber sie ist nur ein Teil des Ganzen. Die eigentliche Verantwortung beginnt oft erst nach dem Diplom. Und je besser du vorbereitet bist, desto souveräner kannst du deinen Weg gehen.

In unserem Gespräch hast du erzählt, dass du im Krankenhaus als zierliche Frau regelmäßig OP-Mäntel in XXL bekommst – weil die Größen sich an Männern orientieren. Wie häufig begegnet dir so ein strukturelles Denken?

Ja, das ist tatsächlich so – und ein gutes Beispiel für ein strukturelles Detail, das sinnbildlich für ein größeres Systemproblem steht. Ich bin eine eher zierliche Frau – da ist ein OP-Mantel in XXL natürlich weder praktisch noch angenehm. Dass OP-Kleidung nicht maßgeschneidert ist, verstehe ich selbstverständlich. Es geht mir weniger um die konkrete Größe – sondern um das Denken dahinter.

Ich finde die tief liegende Struktur dahinter problematischer: Die Vorstellung, dass Chirurgie immer noch „männlich“ ist. Viele junge Frauen, die sich für eine chirurgische Laufbahn interessieren, lassen sich durch die immense Dauer der Ausbildung und die schlechte Vereinbarkeit mit Familie abschrecken. So entsteht ein Kreislauf: Es gibt zu wenig weibliche Vorbilder – also entscheiden sich weniger Frauen für diesen Weg – und das strukturelle Denken ändert sich entsprechend nur sehr langsam. Ich habe mich trotzdem durchgesetzt. Aber es wäre schön, wenn die Generationen nach mir es etwas einfacher hätten.

Was hat sich seit deinen ersten Berufsjahren verändert – und was noch nicht?

Es hat sich einiges getan. Die Arbeitszeiten sind heute klar geregelt – das schützt vor Überlastung und ist ein Fortschritt. Aber gleichzeitig frage ich mich: Hätte ich unter heutigen Bedingungen zwei Facharztausbildungen so schnell abschließen können? Wahrscheinlich nicht. Damals habe ich vieles in Kauf genommen, um früh möglichst viel Erfahrung zu sammeln. Heute wäre das so nicht mehr möglich.
Was mich freut: Immer mehr Frauen entscheiden sich für ein Medizinstudium – in der Schweiz sind sie inzwischen in der Mehrheit. Doch in chirurgischen Führungspositionen spiegelt sich das leider noch nicht wider. Als ich anfing, waren nur rund sieben Prozent der Chirurg:innen weiblich – und auch heute ist da noch viel Luft nach oben.
Gleichzeitig ist der bürokratische Aufwand explodiert. Datenschutz, Dokumentationspflichten, administrative Prozesse – sie haben sich massiv verdichtet. Manchmal rückt das, worum es eigentlich geht – Chirurgin zu sein – dadurch in den Hintergrund. Nicht alles ist besser geworden. Aber fast alles ist komplexer geworden.

Du führst heute deine eigene Klinik. Wie bist du als Ärztin zur Unternehmerin geworden?

In diese Rolle wächst man hinein – ähnlich wie in die Rolle der Mutter. Man wird nicht als Unternehmerin geboren, sondern lernt mit jeder Etappe, mit jeder Herausforderung, mit jedem Wachstumsschritt. Ich habe klein angefangen: mit klaren Werten, viel persönlichem Einsatz und einer Vision davon, wie ich Medizin aus meiner Sicht gestalten möchte.
Heute führe ich zwar ein vergleichsweise kleines Unternehmen, aber eines mit klarer Haltung und wachsender Präsenz. Besonders freue ich mich darüber, dass ab September eine Kollegin und gute Freundin aus Schweden mein Team ergänzt – spezialisiert auf Facelift-Techniken wie Mini-Facelift, Hollywood-Lift oder Ponytail-Lift. Ihre Expertise erweitert unser Angebot perfekt. Unternehmerin zu sein bedeutet für mich nicht, Zahlen zu optimieren – sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem medizinische Qualität, Vertrauen und Ästhetik auf Augenhöhe zusammenkommen.

Gab es Momente, in denen du wirtschaftlich ein Risiko eingehen musstest?

Viele. Und ganz offen: Es gab Nächte, in denen ich kaum schlafen konnte, weil ich nicht wusste, wie ich mein berufliches Leben finanzieren oder überhaupt fortführen sollte. Nach meinem ersten Facharzttitel in Allgemeinchirurgie ging ich für meine zweite Ausbildung nach Schweden – mit einem Gehalt von rund 1.000 Euro im Monat. Das reichte kaum für Miete, Essen, Reisen. Ich musste einen Kredit aufnehmen – obwohl ich mein erstes Studium bereits weitgehend selbst finanziert hatte. Ein weiterer großer Schritt war der Aufbau meiner eigenen Klinik. Ich hatte keine Rücklagen, keine wirtschaftliche Sicherheit – aber einen engagierten Treuhänder, der an mich glaubte und mir half, die Finanzierung zu stemmen. Und auch heute gibt es immer wieder Phasen des Zweifelns: Wie viel Risiko ist vertretbar? Was lohnt sich? Was nicht? Unternehmerin zu sein bedeutet, Entscheidungen zu treffen – ohne Garantie, aber mit innerer Überzeugung. Und mit dem Mut, es trotzdem zu tun.

Wie findest du die Balance zwischen medizinischer Integrität und wirtschaftlichem Erfolg?

Das ist eine tägliche Gratwanderung – und sie wird nicht einfacher, je mehr Verantwortung dazukommt. Für Patientinnen, Mitarbeitende, das gesamte System. Medizinische Integrität steht dabei immer an erster Stelle. Ich empfehle nichts, was ich nicht selbst für sinnvoll halte, und lehne Eingriffe ab, die ich medizinisch oder ästhetisch nicht vertreten kann – selbst wenn sie wirtschaftlich lukrativ wären. Gleichzeitig bin ich Unternehmerin. Ich habe eine Klinik aufgebaut, trage Verantwortung für ein funktionierendes System. Der Schlüssel liegt für mich in der langfristigen Planung: Wer nur kurzfristig denkt, verkauft sich und seine Prinzipien. Wer langfristig denkt, investiert in Qualität – und gewinnt damit auch wirtschaftlich. Es tut manchmal weh, klare Grenzen zu setzen. Aber genau darin liegt meine persönliche Definition von Erfolg: lieber einmal mehr Nein sagen – und mit gutem Gewissen weitermachen.
Colette C. Camenisch: Mein Kunsthandwerk Plastische Chirurgie

„Mein Kunsthandwerk
Plastische Chirurgie“

Ein Text- und Bildband über die plastische Chirurgie, aber auch ein Lehrstück über Lebensgeschichten und wertvolle Erfahrungen.
Was Colette C. Camenisch täglich in ihrer Sprechstunde als plastisch-ästhetische Chirurgin zu hören bekommt, hat sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist. Aber auch ihre Patient:innen kommen zu Wort. Besonders am Herzen liegt Colette die Enttabuisierung der plastischen Chirurgie: Ästhetische Eingriffe sind nicht nur ein Privileg der Oberschicht, sie sollen vor allem dafür sorgen, dass Menschen sich mit ihrem Körper identifizieren und sich wieder selbst annehmen können.
Edition Königstuhl, ca. 27 €

Du sprichst in deinem Buch von plastischer Chirurgie als politischem Thema. Was meinst du damit?

Plastische Chirurgie ist ein gesellschaftliches Politikum. Sie steht immer wieder zwischen Anerkennung und Ablehnung – besonders in der Schweiz. Viele sehen in ihr etwas Oberflächliches oder moralisch Fragwürdiges. Gleichzeitig gibt es unzählige Menschen, die durch angeborene Merkmale, Krankheit oder Unfälle in ihrem Selbstbild stark eingeschränkt sind. Für mich ist plastische Chirurgie keine Eitelkeit, sondern medizinische Fürsorge – mit den Mitteln der Ästhetik und Chirurgie. Es geht darum, Menschen einen Körper zurückzugeben, in dem sie sich zu Hause fühlen. Dass dieses Fach so emotional aufgeladen ist – medial, kulturell, gesellschaftlich – macht es zu einem Politikum. Und genau deshalb gehört es in verantwortungsvolle, gut ausgebildete Hände.

Warum war es dir wichtig, ein Buch zu schreiben – und wie war das Feedback, besonders von anderen Frauen?

Ich wollte zeigen, dass ein beruflicher Weg – gerade in der Chirurgie – selten geradlinig verläuft. Es geht um Zweifel, Kraft, Einsamkeit. Aber auch um Entwicklung, Verantwortung und Haltung. Gleichzeitig wollte ich meinen Patientinnen und Patienten eine Stimme geben. Viele sprechen kaum über die tiefgreifende Wirkung eines ästhetischen Eingriffs – dabei verändert er oft das ganze Selbstbild.
Die Rückmeldungen waren überwältigend. Viele Patienten:innen sagten, wie berührend es sei, etwas Persönliches über mich zu lesen. Und wie sehr sie sich verstanden fühlten, wenn sie die Geschichten anderer lasen – vor, während und nach einem Eingriff. Einige sagten: „Ich habe mich plötzlich nicht mehr allein gefühlt.“ Genau das war mein Ziel.

Welche Rolle spielt Selbstwertgefühl bei deinen Patient:innen?

Eine sehr große. Viele Menschen kommen mit einem konkreten Wunsch – eine Brust anpassen, das Gesicht verjüngen. Doch dahinter steht oft etwas Tieferes: der Wunsch, sich im eigenen Körper wieder zu Hause zu fühlen – und im Spiegelbild zu erkennen, wer man ist oder sein möchte.
Das Selbstwertgefühl ist dabei nicht immer verletzt. Manche kommen mit viel Selbstbewusstsein – und möchten sich einfach noch wohler fühlen. Andere haben über Jahre hinweg durch Krankheit, Alterungsprozesse oder äußere Umstände an Selbstsicherheit verloren.
Meine Aufgabe als Ärztin ist es, genau hinzuhören. Nur wenn ein Eingriff im Einklang mit dem Selbstbild und der psychischen Stabilität steht, kann er sinnvoll sein. Ich sehe meine Arbeit nicht als reine Schönheitskorrektur – sondern als Begleitung auf dem Weg zu mehr Stimmigkeit zwischen Innen und Außen.

Welche Tabus möchtest du mit deiner Arbeit aufbrechen?

Vor allem drei:
Erstens: Dass plastische Chirurgie oberflächlich sei. In Wahrheit ist sie ein hochpräzises Fachgebiet, das sich intensiv mit Anatomie, Funktionalität, Ästhetik und Psyche auseinandersetzt. Es geht nicht um Eitelkeit – sondern oft um Lebensqualität und manchmal um Heilung.

Zweitens: Dass plastische Chirurgie keine „richtige“ Chirurgie sei. Das ist ein Missverständnis. Viele Fachärztinnen und Fachärzte für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie – so auch ich – haben eine lange und fundierte Ausbildung mit zwei Facharzttitel im Hintergrund, wie in Allgemein- oder Handchirurgie. Unsere Arbeit ist komplex, technisch anspruchsvoll und basiert auf einer chirurgischen Grundausbildung. Auch wenn diese Chirurgie nicht direkt Leben rettet, ist es eine Chirurgie, die für viele Menschen heilsam sein kann.

Drittens: Dass ästhetische Eingriffe nur etwas für Reiche und Prominente seien. Ich behandle Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten – vom Pflegeberuf bis zur Managerin. Es geht nicht um Luxus, sondern darum, sich selbst etwas Gutes zu tun – oder nach einer belastenden Phase wieder aufzurichten.
Und das Wichtigste: Wer plastisch-chirurgische Hilfe möchte, sollte sie in höchster Qualität bekommen. Wer sie nicht will, braucht sie nicht. Es geht nicht um Zwang, sondern um Freiheit.

Welche gesellschaftlichen Narrative rund um Schönheit und Weiblichkeit müssen wir dringend überdenken?

Wir müssen aufhören, Schönheit mit Perfektion gleichzusetzen. Makellos, jung, symmetrisch – das sind Vorstellungen, die von außen kommen. Dabei ist echte Schönheit viel individueller, lebendiger, vielfältiger. Sie kann in Falten liegen, in besonderen Proportionen oder einfach im Ausdruck, der zu einem Menschen passt.
Ebenso sollten wir das Bild hinterfragen, dass Weiblichkeit automatisch mit Äußerlichkeit verbunden ist. Frauen werden oft über ihr Aussehen definiert – und bewertet. Zu viel gemacht? Zu wenig gemacht? Es scheint, als gäbe es immer jemanden, der ein Urteil fällt.
Dabei geht es um etwas anderes: Frauen müssen selbst entscheiden können, wie sie sich zeigen und fühlen wollen – ohne Schuldgefühle, ohne Scham. Mit Falten oder Facelift. Mit Lippenstift oder ohne. Veränderung darf eine Entscheidung sein – kein Zwang. Und Weiblichkeit bedeutet Selbstbestimmung. Punkt.

Was würdest du jungen Ärztinnen oder Medizinerinnen raten, die einen ähnlichen Weg gehen wollen?

Gebt nicht auf. Weder wegen der Strukturen noch wegen der Zweifel. Mein Weg war nicht einfach – aber möglich. Und vor allem: lohnend.
Einer der prägendsten Sätze kam damals von Professor Schmidt-Tintemann, einer der wenigen Frauen in einer chirurgischen Führungsposition. Sie sagte zu mir: „Junge Frauen wie Sie braucht es. Geben Sie niemals auf.“ Das trage ich bis heute mit mir – und gebe es an jede Kollegin weiter, die sich für diesen Weg entscheidet. Der Weg in die Chirurgie – und besonders in die Führung – ist kein Spaziergang. Aber er ist machbar. Und jede, die ihn geht, ebnet damit auch den Weg für andere.

Wie wichtig ist finanzielle Unabhängigkeit für dich persönlich?

Enorm wichtig. Für mich bedeutet finanzielle Unabhängigkeit vor allem eines: Freiheit. Die Freiheit, Entscheidungen selbst zu treffen. Projekte umzusetzen. In meine Klinik, meine Ideen und meine Zukunft zu investieren – ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen.
Finanzielle Unabhängigkeit gibt mir Sicherheit, aber auch Handlungsspielraum. Sie ist ein Grundpfeiler meiner Selbstbestimmung – beruflich wie privat.

Legst du auch Geld an – etwa in Aktien, ETFs und Co.?

Nur sehr begrenzt. Ich bin weder tief in der Materie noch habe ich ein ausgeprägtes Interesse für den Kapitalmarkt. Ich investiere lieber in Dinge, die ich verstehe und täglich erlebe. Wenn ich Aktien halte, dann ausschließlich von Unternehmen, mit denen ich beruflich zu tun habe – etwa im pharmazeutischen Bereich. Alles andere überlasse ich lieber den Profis. Wirklich überzeugt bin ich von Immobilien und Land. Etwas Reales, etwas Greifbares – das ist für mich der einzig sinnvolle Weg, langfristig zu investieren.

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