Drei junge Frauen in hellgrüner Schürze stehen in einer Küche eng nebeneinander, zwei von ihnen gucken sich an, die dritte sieht in Richtung der beiden anderen.
Ketut Subiyanto / Pexels

Starke Stimme im Job: So bringt der Betriebsrat Frauen nach vorn

Vier Betriebsrätinnen erzählen, wie sie Verantwortung übernommen haben, schwierige Gespräche führen und dabei Fähigkeiten entwickeln, die auch für ihre berufliche Entwicklung entscheidend sind.
Wer im Betriebsrat sitzt, verhandelt mit der Geschäftsführung, löst Konflikte im Betrieb und gestaltet Arbeitsbedingungen aktiv mit. Für viele Frauen wird diese Aufgabe zu einem Moment, in dem sie Verantwortung übernehmen und ihre Rolle im Unternehmen neu definieren.

Der Schritt nach vorn

Als Kerstin Vetter 2012 für den Betriebsrat kandidierte, arbeitete sie in der Küche einer Tochtergesellschaft der KMG Kliniken. Die Beschäftigten in Servicebereichen wie Reinigung, Technik oder Catering standen aus ihrer Sicht oft am Ende der Prioritätenliste. „Gerade im Niedriglohnsektor stehen die Mitarbeitenden oft hinten an“, sagt sie. Heute ist sie Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Konzernbetriebsratsvorsitzende. Sie vertritt Kolleginnen und Kollegen an neun Standorten und sitzt regelmäßig mit dem Vorstand am Tisch. Ihre Aufgabe ist klar: gute Vereinbarungen für die Beschäftigten aushandeln.

Der Weg in die Mitbestimmung beginnt für viele Frauen eher zufällig. Susanne, die im Bereich Umwelt und Gesundheit berät, wurde vor rund zwanzig Jahren von Kolleginnen und Kollegen angesprochen, ob sie kandidieren wolle. Sie hatte sich zuvor nie mit Betriebsratsarbeit beschäftigt. „Ich lerne gerne neue Dinge“, sagt sie. Heute leitet sie ein siebenköpfiges Gremium und verhandelt über Themen wie mobiles Arbeiten, Zielvereinbarungen oder Gesundheitsschutz.

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Konflikte führen, Lösungen finden

Mitbestimmung bedeutet häufig Konfliktarbeit. Betriebsräte prüfen Abmahnungen, begleiten Personalgespräche oder verhandeln über Umstrukturierungen. Für Diana Emersic aus einem Getränkeunternehmen gehört das längst zum Alltag. Sie ist stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, leitet den Wirtschaftsausschuss und wird von Beschäftigten häufig als Vertrauensperson zu Gesprächen mit der Personalabteilung gebeten.

Besonders prägend war für sie ein Fall, in dem sie erfolgreich gegen eine aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Kündigung argumentierte. Ein Arbeitsrechtsanwalt bestätigte später ihre Einschätzung. „Selten einen so guten Widerspruch gelesen“, habe er gesagt. Für Emersic ein Moment, der ihr Selbstvertrauen als Interessenvertreterin gestärkt hat.

Führung lernen im Betriebsrat

Mit der Rolle wächst auch das Standing im Unternehmen. Betriebsräte verhandeln auf Augenhöhe mit Management und Geschäftsführung. Sie analysieren wirtschaftliche Entwicklungen, prüfen rechtliche Fragen und entwickeln Strategien für Verhandlungen. Fähigkeiten, die in vielen Karrieren gefragt sind.

Susanne erzählt, die Betriebsratsarbeit habe ihr gezeigt, dass sie auch Führungsverantwortung übernehmen möchte. Andere berichten, dass sie durch das Amt stärker wahrgenommen werden und in Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Für viele Frauen wird das Gremium so zu einer Schule für Führung.

Frauen im Betriebsrat: Faktor Gleichberechtigung in Zahlen

Frauen sind in Betriebsräten zwar präsent, aber noch immer seltener vertreten als in den Belegschaften. In Betrieben mit Betriebsrat stellen Frauen rund 42 Prozent der Beschäftigten, besetzen aber nur etwa 38 bis 39 Prozent der Sitze in den Gremien.

Besonders deutlich zeigt sich die Lücke bei Führungspositionen: Nur etwa ein Drittel der Betriebsratsvorsitze wird von Frauen übernommen, in großen Unternehmen teilweise noch deutlich weniger.

Ein weiteres Ergebnis der WSI-Analyse: Frauen sind häufig gerade dort unterrepräsentiert, wo sie in der Belegschaft die Mehrheit stellen. Der gesetzliche Minderheitenschutz im Betriebsverfassungsgesetz greift nämlich nur für das Geschlecht, das im Betrieb zahlenmäßig in der Minderheit ist.

Quelle: WSI GenderDatenPortal – Frauenanteil im Betriebsrat

Grafische Übersicht zum Frauenanteil in deutschen Betriebsräten

Lernen gehört dazu

Für Franziska, die seit 2025 im Logistikbereich als Betriebsratsvorsitzende tätig ist, steht dieser Lernprozess noch am Anfang. Sie ist zu siebzig Prozent für die Betriebsratsarbeit freigestellt und organisiert Sitzungen, Gespräche und Abstimmungen. Parallel betreut sie Auszubildende im Betrieb. „Mit jeder Schulung wächst man“, sagt sie.

Tatsächlich ist Betriebsratsarbeit komplexer, als viele vermuten. Arbeitsrecht, Mitbestimmungsrechte, wirtschaftliche Zusammenhänge und Kommunikation mit der Belegschaft gehören zum Alltag. Viele Betriebsrätinnen vertiefen ihr Wissen deshalb in Weiterbildungen. Anbieter wie das W.A.F. Institut für Betriebsräte-Fortbildung unterstützen seit Jahrzehnten Gremien in ganz Deutschland mit Seminaren, Fachtagungen und digitalen Angeboten.

Eine Chance für mehr Frauen

Dass immer mehr Frauen diese Rolle übernehmen, ist kein Zufall. Mitbestimmung verlangt soziale Kompetenz, strategisches Denken und Durchsetzungsfähigkeit. Eigenschaften, die viele Frauen bereits im Berufsalltag einsetzen, ohne dafür sichtbar zu werden. Der Betriebsrat bietet ihnen eine Bühne. Mitbestimmung verändert nicht nur Arbeitsbedingungen, sondern auch die Menschen, die sie gestalten.

Starke Stimmen aus dem Betriebsrat: Vier Frauen erzählen

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